Fortsetzung: Vertrieben (12)

20.04.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Nun sitzen wir alle am Bahnsteig und essen unsere Mittagsschnitte. Ein großer zutraulicher Schäferhund läuft herum und Adelheid und ich werfen ihm voller Entzücken Brotbrocken zu (er kann sie geschickt schnappen), bis uns dies Muttl verbietet. Zu kostbar ist Nahrung inzwischen geworden, als dass man sie einfach verfüttern dürfte.


Eine ängstlich angespannte Stimmung herrscht unter den Menschen am Bahnhof. Tiefflieger sind in der Gegend. Ob Züge fahren können ist ungewiss. Da! Plötzlich! Sirenengeheul! Fliegeralarm! Weg vom Bahnsteig! Schnell, in den Splittergraben! Ach, der ist nur eine Unterführung. Muttl sieht sehr besorgt aus. Entwarnung. Muttl kommt mit einem Eisenbahner ins Gespräch: Der Zug nach Klein Mohrau wird fahren, aber die Fahrt wird unsicher sein. „Bei einem Angriff auf keinen Fall aussteigen“, rät uns der Eisenbahner. „Flach auf den Boden legen und im Wagen ausharren. Die flüchtenden Menschen werden sofort nieder geschossen“. Der Zug wird bereit gestellt und schließlich fahren wir los. Kommen da Flugzeuge? Wird es einen Angriff auf den Zug geben? Eine bange Stunde vergeht. Doch wir bleiben Gott sei Dank unbehelligt und nach Bahnfahrt und weiterem Fußweg erreichen wir schließlich das Häusl in Ober Mohrau.

Auch in Mohrau hört man ununterbrochen fernen Kanonendonner, wenn auch leiser als in Bennisch. Wir sind schon daran gewöhnt und beachten ihn kaum. Für uns Kinder scheint der Krieg weit weg zu sein. Wie in den Ferien spielen wir mit den Nachbarskindern und es gelingt mir endlich, das Buch „Nils Holgersons Reise mit den Wildgänsen“ auszulesen. Ostern kommt und zum ersten Mal feiern wir das Fest nicht in Bennisch. Draußen muss noch viel Schnee liegen, denn wir bauen das Osternestchen nicht im Garten sondern im Haus. Zuckereier und andere Süßigkeiten lagen bestimmt nicht im Nest. So etwas Gutes gibt es schon lange nicht mehr. Das sind nur noch Erinnerungen. Doch im Nestchen finden wir Püppchen, allerliebste Puppenzimmerpüppchen mit echtem Haar, das man kämmen kann.

Allmählich schmilzt der Schnee. Es apert aus unter der wärmenden Sonne. Zwischen den Schneeflecken erscheinen im Gras unzählige Schüsselblumen. Goldgelbe Himmelsschlüsselchen zu Tausenden auf den Wiesen. Gleich hinter dem Haus. Ach, das ist schön! In Bennisch, inmitten der Häuser, kann man so etwas nicht sehen. Noch nie haben wir den Frühlingseinzug so nahe und so unmittelbar erlebt wie auf dem Land jetzt in Mohrau. Ich bin sehr traurig, als bei einem Kälteeinbruch die Schlüsselblumen erfrieren.

20. April: Hitlers Geburtstag. Alle Kinder des Jahrganges 1935 werden aufgefordert, zur Schule zu kommen. Dort sollen sie feierlich in JM (Deutscher Jungmädchenbund) oder DJ (Jungvolk) aufgenommen werden. Adelheid und ich sind begeistert. Endlich würden auch wir zur Jugend des Führers gehören. Und die Erwachsenen lassen uns ziehen. Der Lehrer ist ungehalten, weil längst nicht alle Kinder gekommen sind. Er ermahnt uns, immer bedingungslos dem Führer zu dienen.

(Noch immer sind wir gläubige Hitleranhänger und können dies problemlos mit unserer Frömmigkeit vereinbaren. Ja, wir ahnen nicht einmal den Widerspruch. In Wirklichkeit ist das Regime gegen die Kirche und schädigt sie, wo sie nur kann. Doch eine offene Verfolgung kann es sich zur Kriegszeit nicht leisten. Das könnte Unruhen geben. Die meisten Gläubigen stehen treu zu der Kirche. So bleibt es „nur“ bei Schikanen:
Verpflichtende Veranstaltungen werden auf die Gottesdienstzeiten verlegt. Oder es wird vor der Kirche derart gelärmt, dass man die Predigt nicht verstehen kann. Ein junger Priester aus der Gegend von Römerstadt wagte es, dagegen zu protestieren. Sofort wurde er festgenommen. Er kam ins KZ und dann in den Kessel von Stalingrad. Gerade noch rechtzeitig wurde er dort ausgeflogen. Jahre später wird er unser Londorfer* Pfarrer sein).


*Dorf in Hessen


Fortsetzung folgt

—————

Zurück