Fortsetzung: Vertrieben (13)

30.04.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Mit dem Pfarrhaus von Mohrau hält Tante Rosi gute Kontakte. Dort ist sie aufgewachsen, dort dürfte sie sich „wie zu Hause“ gefühlt haben. Mit Pfarrer Alfred Dietz und seiner Haushälterin, Fräulein Anita, versteht sich Tante Rosi sehr gut. Oft macht sie Besuche im Pfarrhaus und uns nimmt sie mit. Wir mögen „Herrn Pfarrer“. Er beschäftigt sich sehr nett mit uns, zeigt uns beispielsweise große Bildtafeln, die zur Anschauung im Religionsunterricht dienen und er hat uns auch die große bebilderte Kinderbibel geschenkt, in die wir sehr eifrig lesen. Die meisten meiner Bibelkenntnisse verdanke ich dieser Bibel. Herr Pfarrer ist entschieden gegen die Nazis und wagt es, deren Anordnungen zuwider zu handeln. Als ein Fremdarbeiter oder Gefangener stirbt, soll er einfach verscharrt werden. „Diese Untermenschen verdienen kein ehrenvolles Begräbnis“. Herr Pfarrer begräbt ihn dennoch in Ehren. (Wegen solcher und ähnlicher Vorkommnisse gilt der Mohrauer Pfarrer nach dem Kriegsende als „Antifaschist“ und genoss bei Russen und Tschechen Respekt.)


Doch auch Herr Pfarrer ist unter den Nazis gezwungen gewesen, in seinen Amtsräumen eine Hitlerbüste aufzustellen. Bei Kriegsende hat Herr Pfarrer diesen bronzenen Hitlerkopf zerschlagen. Das war gar nicht so einfach, der Kopf wollte lang nicht entzwei gehen. Die Bruchstücke hat Herr Pfarrer zusammen mit Fräulein Anita unter Steinplatten im Pfarrhof vergraben (Dort liegen sie vielleicht heute noch).

Nein, Tante Rosi hält gar nichts vom Nazi-Regime. Als wir mit ihr erstmals Herrn Pfarrer besuchen, grüßen wir arglos „Heil Hitler“. Das ist der überall übliche Gruß. Oh, das kommt aber schlecht an bei unserer Tante. „So grüßt man keinen Pfarrer. Einen Priester grüßt man „Grüß Gott“, noch besser „Gelobt sei Jesus Christus“ (Vielleicht kriegen wir sogar eine Ohrfeige). Wir sind völlig verwirrt und verstehen die Welt nicht mehr.

Der Geschützlärm ist stärker geworden. Tag für Tag wird er lauter und lauter, man kann ihn nicht mehr überhören oder gar ausweichen. „Wo sind wohl die Russen“, fragen ängstlich die Leute. „Schon in Jägersdorf? Schon in Troppau“?

Noch erhalten wir Post. Feldpost von Papa, die oft wochenlang unterwegs war. Wir freuen uns über die Lebenszeichen. Roswitha bekommt den Brief einer Klassenkameradin. Vor deren Heimatstadt stehen die Russen. Sie will aber nicht flüchten. Sie will mithelfen, ihre Stadt zu verteidigen, auch wenn sie den Tod dabei findet. So wird es wohl gekommen sein. Roswitha hat nie wieder von dem Mädchen gehört.

(Es wundert mich noch heute, wie es möglich war, dass in diesen letzten chaotischen Kriegswochen noch Post zugestellt werden konnte. Offenbar lief in den von den Allierten noch nicht besetzten Gebieten das Räderwerk des Systems einfach weiter. Post wurde befördert, Züge fuhren, wenn auch nicht fahrplangemäß, die Lebensmittelkarten galten, die Bauern lieferten ihren Plan ab und echten Hunger gab es noch nicht.)

Fortsetzung folgt

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