Fortsetzung: Vertrieben (14)

03.05.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Immer angstvoller und erregter werden die Leute. Wird uns die Wunderwaffe (V1 und V2) das Kriegsglück und den Endsieg bringen? Viele, viele glauben daran. Und als Roosevelt stirbt, meint man, dies sei nun die Wende wie damals bei Friedrich dem Großen (Ihn hat im 7-jährigen Krieg der Tod der feindlich gesinnten Zarin vor dem Untergang gerettet).


Mohrau ist voller Flüchtlinge und immer wieder ziehen Soldatentrupps durch. „Nach Westen, nach Westen“. Das Reich ist zu dieser Zeit bereits nahezu vollständig in den Händen der Allierten. Nur in den nördlichen Sudeten ist noch ein Korridor „frei“. Durch dieses Nadelöhr drängen sich Soldatenkolonnen und unzählige Flüchtlinge, „nach Westen, nach Westen! Zu den Amerikanern. Fort von den Russen. Nur ihnen nicht in die Hände fallen. Denn die Russen sind Bestien“!
(Dass die Deutschen in den besetzten Gebieten selbst wie Bestien gewütet haben, das wissen die Leute noch nicht).

Viele Flüchtlinge bleiben in Mohrau, sei es, weil sie wie wir Verwandte hier haben oder weil sie glauben, hier „am Ende der Welt“ relativ sicher zu sein. Schreckliches erzählen manche der Flüchtlinge: Unterwegs haben sie Gehenkte gesehen, junge Soldaten, an den Bäumen einfach aufgeknüpft. Tafeln hängen dabei: „Ich bin ein Volksverräter, ein Feigling, ein Deserteur“. Nazifanatiker haben sie hingerichtet.

Andere Flüchtlinge sind von Tieffliegern angegriffen worden. Plötzlich wären die Flugzeuge aufgetaucht und alles, was sich auf der Straße bewegte, hätten sie nieder geschossen. Ihnen selbst sei nur deswegen die Rettung gelungen, weil zufällig Gebüsch in der Nähe war, in das sie sich flüchten konnten

Und eines Tages da weinen viele: Hitler ist tot, hat der Rundfunk gemeldet. Er sei im Kampf um Berlin an der Spitze seiner Truppen stehend heldenhaft kämpfend gefallen. Nun ist den meisten klar, dass der Krieg endgültig verloren ist. Der, von dem sie alles erhofft und dem sie alles Vertrauen geschenkt hatten, lebt nicht mehr.

Einige aber glauben immer noch an den Endsieg. Steht nicht überall geschrieben: „Haltet aus, der Sieg ist unser“! Durchhalteparolen stacheln die Menschen an. Auch Gottfried will Panzer sprengen, falls solche nach Mohrau gelangen. Er erklärt uns die Handhabung und Wirkung einer Panzerfaust. Man müsse nur den Mut aufbringen, sich vom Panzer überrollen zu lassen. Dann erst müsse man zünden. Dann ist der Panzer erledigt.

Und immer neue Gerüchte wuchern und machen die Runde. Wir Kinder horchen angstvoll darauf. Ein Kreuz sei am Himmel erschienen. Und im Mond hat man Blut gesehen. Schreckliches hat das zu bedeuten. In einer alten Weissagung stünde: „Böhmen wird mit einem eisernen Besen ausgekehrt werden“. Und anderswo heißt es: „Im Land werden nur so viele Deutsche zurück bleiben, wie unter einer Eiche Platz finden“. (Dass sich diese Weissagungen bald in schlimmster Weise erfüllen würden, das ahnten die Leute nicht und hätten es auch niemals für möglich gehalten.)

Unaufhörlicher, immer näher rückender Geschützlärm. Tag um Tag, Nacht um Nacht. Panik ergreift viele. Soll man mit den Soldaten übers Gebirge fliehen oder im Dorf ausharren? Was ist besser? Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende? Man beginnt, Wertsachen zu verstecken, einzugraben, einzumauern. „Täuscht euch nicht“, sagen die, die es wissen müssen, „die Russen finden alles“. Und eindringlich warnen sie davor, Sachen einzuschließen. „Alles wird mit Gewalt aufgebrochen und der Schaden wird umso größer sein“. (Tante Rosi hat ihr Fahrrad tief im Heu vergraben. Vergebens, die Russen haben es doch gefunden.)

Fortsetzung folgt

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