Fortsetzung: Vertrieben (18)

20.05.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Immer neue Gehöfte gehen in Flammen auf. Jetzt brennt lichterloh auch das Wohnhaus von Müllers, unseren oberen Nachbarn (Tante Rosi ist mit Frau Müller befreundet und hat abends mit ihr oft „Halma“ gespielt). Ein Taubenschwarm kreist um die Flammengarben in immer engeren Kreisen. Warum fliegen die Tauben nicht weg? Sie werden noch in das Feuer stürzen! Von der Sogwirkung eines so großen Feuers weiß ich damals noch nichts. Verzweifelt kommt Herr Müller zu uns. Er sucht seine Frau, er kann sie nicht finden. Ist sie im Wohnhaus verbrannt? (Später erfahren wir, dass sie sich in „Müllers Busch“, ihrem eigenen Wäldchen, versteckt hat und sich retten kann.)


Vielleicht hätten die Russen in ihrem Siegesrausch das ganze Dorf angezündet, wenn sich Herr Pfarrer nicht eingeschaltet hätte. Er kommt in das brennende Oberdorf. Seine Muttersprache ist tschechisch und das verstehen die Russen. So kann er mit ihnen verhandeln und dem wüsten Treiben Einhalt gebieten. Trotz der vielen Jahre atheistischer Herrschaft haben eigenartigerweise die Russen auch vor ihm als Priester Respekt.

Die Nacht bricht herein. Um uns glühen die Feuer und sprühen die Funken. Da! – auf einmal! Ein unheimliches Knattern. Und wieder Feuer! Ein weiteres Haus ist in Brand gesetzt worden. Diesmal ist es das „Obergericht“, das schönste Gehöft von ganz Mohrau. Ein einziges Flammenmeer, ganz in der Nähe von uns! Ich kann nicht beschreiben, wie schaurig schön sie sind, die riesigen Flammensäulen, die knatternd und himmelhoch lodernd in den schwarzen Nachthimmel empor steigen. Das Haus dröhnt und birst, riesige Funkengarben fliegen zu uns auf die Wiese. Sie wird taghell erleuchtet. Hier können wir nicht bleiben. Die Russen sehen uns hier.

Und so sind wir noch in derselben Nacht in das „Richter Büschel“ geflüchtet, dem Eigenwäldchen vom Kimmel Hof. Vierzehn Tage sind wir in diesem Wäldchen geblieben, immer in Angst vor den Russen. Und der Himmel hat Erbarmen mit uns. Kein einziges Mal regnet es, immer ist es sonnig und warm. Bettzeug haben Muttl und Tante Rosi heimlich aus dem Häusl geholt. Wir liegen auf Federdecken, denn der Boden ist ja noch winterkalt. Auf die weißen Zudecken werden zur Tarnung dunkle Wolldecken gebreitet. Die Russen dürfen uns nicht entdecken.

Einmal erwache ich nachts. Ein Flugzeug brummt über dem „Richter Büschel“. Sehen uns die Russen im Flugzeug? Schimmert das weiße Bettzeug? Todesangst steigt in mir auf. Niemals später habe ich eine so durchdringende Angst empfunden wie damals in jenem Wäldchen.

Ein anderes Mal weckt mich Vogelgesang. Es ist früh am Morgen und der ganze Wald ist erfüllt von Singen und Rufen. Frühgesang der Vögel. Zum ersten Mal höre ich ihn. Herrlich ist das. Unglaublich schön! Und auch dieses Erlebnis prägt sich in mir ein für immer.

In der Früh laufen wir zum Waschen ans „Bacherle“ durch die taunasse Wiese. Vorsicht! Russen können uns sehen. An der schönen Quelle, die im „Richter Büschel“ entspringt, können wir trinken. Und ab und zu schleichen Muttl und Tante Rosi ins Häusl und holen uns etwas zum Essen, soweit sie noch Vorräte finden. Wenn die Hühner gelegt haben, bringen sie Eier mit. Davon bereitet uns Muttl einmal „Zuckerei“ zu, das ist einfach mit Zucker verschlagenes Ei – Wunderbar! Ich glaube, bisher noch nie etwas so Gutes gegessen zu haben. Kochen darf man natürlich auf gar keinen Fall, denn der Rauch hätte uns an die Russen verraten.

Außer unserer Familie halten sich noch viele andere Leute im Wäldchen auf. Auch der Kimmel Horst und der Endler Heinrich sind mit dabei. So haben wir genug Spielgefährten. Wir reiten ohne Sattel auf Bubi, dem Pferd von den Endlers, das hier versteckt worden ist, laufen unter seinem Bauch durch und kitzeln es. Alles lässt es sich ruhig gefallen und wir finden, dass es ein „frommes“ Pferd ist. Doch wenn Militärmusik vom Dorf her ertönt, streckt sich Bubi und spitzt seine Ohren. „Ja, er ist ein ehemaliges Militärpferd und kennt solche Musik“, meinen die Leute. „Hoffentlich wiehert er nicht und verrät uns“. Ältere Jugendliche (auch der Bernt Fritz, Bruder der Gisa) flechten aus Zweigen einen Tarnzaun am Waldrand. Ohne selbst gesehen zu werden, kann man von hier aus die Vorgänge im Dorf, vor allem auf der Straße nach Römerstadt, beobachten, soweit sie einsehbar ist.

Auf der nach Römerstadt ziemlich ansteigenden Straße sind viele Russen, auch Frauen, mit Panjewagen (kleine, einfache, von einem Pferd gezogene Wagen) unterwegs. Die Russen dreschen nur so auf die Pferde ein. Sie müssen im vollen Galopp die steile Straße empor rennen. Schonung kommt nicht in Frage. Bricht ein Tier zusammen, wir eben von einem Bauern das nächste geholt.

Fortsetzung folgt

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