Fortsetzung: Vertrieben (2)

20.06.1944 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Doch zunächst geht das Jahr für uns Kinder unbeschwert weiter. Am nächsten Tag schimpft unsere Lehrerin in der Schule über die dummen Bennischer. Die wären auf die Straße gerannt und hätten zum Himmel empor gestarrt statt in die Keller zu gehen! Wussten sie nicht, dass die feindlichen Flugzeuge Bomben abwürfen und die Städte zerstören? Und dass Tiefflieger auf Menschen Jagd machten wie auf Hasen?


Wir haben nun oft Gelegenheit, in den Keller zu gehen (den Muttl aufmerksam auf feste Gewölbe mustert), denn nun fliegen häufig feindliche Flugzeuge über Bennisch hinweg, manchmal so niedrig, dass man ihre Kreuzform erkennt. „Jetzt sieht man Kreuzln, jetzt sieht man Kreuzln“, rufen dann Adelheid und ich, denn da niemals etwas Schlimmeres passiert, bleiben wir schließlich doch meist in der Wohnung. Vom Dröhnen der Flugzeugverbände vibrieren häufig die Glasscheiben. In unserer Küche sind davon Fensterscheiben und im Wohnzimmer die Glastür der Kredenz zersprungen. Immer wenn im Radio die Durchsage kam: „Achtung, Achtung! Feindliche Flugzeuggeschwader im Anflug auf das Protektorat Böhmen und Mähren“, wussten wir, dass Bennisch bald überflogen würde.

Aus dem Ausland sind in diesen letzten Kriegsmonaten kaum noch Medikamente erhältlich. Einheimische Heilpflanzen sollen sie ersetzen. So werden die älteren Schüler zum Heilkräutersammeln verpflichtet und auch für unsere ältere Schwester Roswitha hat dies gegolten. Doch wann hätte sie dafür Zeit gehabt? Schon um 6 Uhr fährt morgens ihr Zug ab nach Troppau, wo sie und der Bruder Gottfried das Gymnasium besuchen. Um 15 Uhr erst kommt sie nach Hause und muss dann noch ihre Hausaufgaben erledigen. Und am Sonntag, immer genau zur Gottesdienstzeit, müssen beide Geschwister zur Gruppenstunde von BDM (Bund deutscher Mädel) und DJ (Jungvolk). Wehe, wenn da einer ohne triftigen Grund gefehlt hätte.

So müssen Adelheid und ich einspringen. Wir sammeln meist Gänsefingerkraut (das ich auf diese Weise kennen gelernt habe) an den verschiedensten Stellen in und um Bennisch. Doch schließlich sind alle diese Fundplätze abgesammelt und unsere Ausbeute wird mehr als dürftig. Roswitha gefällt das gar nicht, schließlich hat sie eine ausreichende Menge abzuliefern und sie schimpft mit uns. Da haben Adelheid und ich eine großartige Idee: „Wir legen in die Tasche zu unterst Steine, darüber dann erst die Kräuter“, beschließen wir. „Sie glaubt dann, wir hätten viel gesammelt, weil die Tasche so schwer ist“. Gesagt, getan. Wir holen Roswitha am Bahnhof ab. Sie nimmt die recht schwere Tasche und lobt uns, weil wir so fleißig gewesen seien. Und wir jubeln innerlich, weil unsere List so gut geglückt ist. Was freilich dann kam, als unser Betrug entdeckt wurde, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Fortsetzung folgt

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