Fortsetzung: Vertrieben (20)

01.06.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Überall liegt Munition umher und wir Kinder sammeln sie eifrig. Zwar ist dies verboten und natürlich gefährlich, doch das stört uns nicht. Interessiert schauen Adelheid und ich zu, wenn Buben Patronen aufklopfen und weißes Pulver zum Vorschein kommt.


Neben dem großen Pfarrhoftor steht ein zerschossenes Militärauto. Wir klettern hinein und entdecken zwei flache, gut erhaltene Lederkissen. „Mit denen lässt sich was anfangen“. Adelheid und ich montieren die Sitze mit Mühe ab und bringen sie zu unserem Versteck auf dem Hof. Dort im Winkel zwischen Scheune und vorkragendem Hühnerstall haben wir Bretter und Planken so von der Mauer abgerückt, dass dahinter ein kleiner Hohlraum entstanden ist. Nur ein oder zwei Kinder passen hinein. Wir glauben, dass wir durch die Ritze im Hof zwar alles beobachten können, dass man uns aber hinter den Planken nicht sieht.

Wie man sich vor den Russen sicher versteckt, ist ein allgegenwärtiger Gedanke, der alle beschäftigt. Auch Adelheid und ich machen uns unsere Gedanken. Da kommt uns eine tolle Idee. Vor einem verfolgenden Russen könnte man sich doch ins Klo flüchten. Von innen könnte man abschließen und ehe der Russe die Tür aufgebrochen hat, wäre man längst durchs Fenster entkommen. Das Pfarreiklo (mit Wasserspülung!) liegt am Ende eines schmalen Ganges, der vom Vorhaus abzweigt. Sein winziges, hoch eingelassenes Fenster schaut in ein Gärtchen, das gegen den Hof durch einen Schuppen abgetrennt ist und daher nicht eingesehen werden kann. Alles sehr günstig für unseren Plan, den wir gleich ausprobieren wollen. Wir wollen durch das Fenster in das Gärtchen springen, von dort über die Stützmauer hinab auf den Sauerbrunnweg und wären in Sicherheit.

Doch die Sache hat einen Haken. Das Fenster ist so klein und so hoch über dem Gärtchen, dass man nicht springen kann. Was tun? „Wir flechten uns eine Strickleiter“, beschließen Adelheid und ich. Gesagt, getan, wir basteln uns eine Strickleiter, hängen sie an am Rahmen und klettern hinab. Alles klappt wunderbar, wenn auch die Strickleiter wenig stabil ist und beim Abwärtssteigen zerreißt. Doch an eins haben wir nicht gedacht: Wir haben vergessen, vor dem Hinausklettern die von innen verschlossene Tür wieder aufzusperren.

Bald kommt Tante Rosi, verärgert, mit bösem Gesicht: „Was ist los, warum kommt man nicht in das Klo? Das ist ja die Höhe“! Große Aufregung! Die Erwachsenen schimpfen und sind äußerst erzürnt: „Seid ihr das gewesen, Adelheid und Ursula“? Kleinlaut müssen wir alles zugeben. (Herr Pfarrer hat mit viel Mühe und Tricks die Tür wieder aufbekommen.)

Durchs Dorf werden riesige Kuhherden getrieben. Die Russen haben die Tiere geraubt. Sie sollen nach Russland gebracht werden. Die Kühe brüllen vor Hunger und Schmerzen, denn sie müssten dringend gemolken werden. Im großen Hof vom Niedergericht rastet die Herde (Mussten die Dorfleute melken?). Auch wir Kinder gehen dahin. Unter den vielen abgemagerten und verschmutzten Kühen fällt uns ein ganz junges Kälbchen auf. Das blutet am Auge. Es muht so kläglich und tut uns so leid.

Manch ein Bauer hat sich aus dieser Herde eine Kuh für den eigenen Stall geholt. Ob heimlich oder mit Billigung durch die Russen? Ich weiß es nicht. Auch in den Pfarrhof kommt eine Kuh. Sie wird Lisa genannt und wird später, nachdem sie aufgefüttert ist, die beste Milchkuh im Stall. Uns aber freut eines besonders. Wir treffen den Kimmel Horst und was zieht der mit sich am Strick? Das Kälbchen ist es, das am Auge so blutet. Ob die Eltern besonders erfreut sind über ein Tier, das nichts einbringt? Das erst in Jahren einen Ertrag bringen würde? (Es sei denn, es würde geschlachtet). Niemand ahnt noch, dass diese Sorgen ganz sinnlos sind. (In Kürze werden die Deutschen alles, Haus und Hof, Vieh und Felder, aufgeben müssen und für immer verlieren.)



Fortsetzung folgt

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