Fortsetzung: Vertrieben (24)

20.06.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Ihr Häusl hat Tante Rosi sehr bald an den Heider Schuster vermietet, dessen Haus abgebrannt ist. Ihre eigenen Sachen aber will sie ins Pfarrhaus bringen. Adelheid und ich dürfen sei einmal begleiten und gehen mit ihr in das Oberdorf. Das Häuschen ist nach den Verwüstungen durch die Russen weitgehend wieder in Ordnung. Mir fällt nur auf, dass in der Laube die Fensterscheiben zerbrochen sind, sicher eine Folge des Russenbeschusses. Aber als wir ins Bodenkammerle kommen, wo unser Vater immer geschlafen hat, stockt uns der Atem. Wir glauben nicht richtig zu sehen. Ein unglaublicher Anblick! Alles ist aus Schränken und Schubladen heraus gerissen und am Fußboden verstreut. Hausrat, Bücher, Briefe, Bettzeug, alle erdenklichen Dinge in einer hohen Schicht über dem Boden. So muss es nach Muttls Schilderungen auch in Bennisch ausgesehen haben. Man kann nicht normal gehen sondern man watet gewissermaßen im Wust.


Doch in diesem Wust erglänzen herrliche Sachen: Heiligenbildchen sind es, die wir so mögen. Tante Rosi erlaubt uns zu suchen und zu behalten. So geht es auf Schatzsuche. Alles wühlen wir durch und durch. „Das gehört mir“! „Nein, das hab zuerst ich gesehen“! „Deins ist viel schöner“! „Dafür kriegst du jetzt dieses“. So geht es zwischen uns hin und her. Hochbefriedigt und beladen mit „Schätzen“ kehren wir ins Pfarrhaus zurück.

In die Pfarrei soll schließlich auch Tante Rosis Hauskater Peter geholt werden. Zwar versieht er seine Aufgaben schlecht und läuft sogar – wie ich selbst gesehen habe – vor Mäusen davon, aber dennoch mögen ihn alle. In der Pfarreiküche wartet alles gespannt. Tante Rosi kommt mit dem Sack. Darin windet sich etwas. Krallen strecken sich durchs Gewebe, verschwinden, kommen wieder hervor. Jetzt hat Tante Rosi den Sack geöffnet. Kommt Peter heraus? Nichts! „Peter, Peter“! Nichts rührt sich. Da – plötzlich! Wie ein Blitz flitzt Peter heraus und unter den Schrank. „Peter, Peter“! Wie ein Blitz unter das Sofa. „Peter, Peter“! Wie ein Blitz unter den Tisch. Und er hinterlässt Häufchen, hier eins, da wieder eins. „Peter, Peter“! Herr Pfarrer stochert nach ihm. Peter aber kommt nicht hervor. Wir lachen uns krumm. Wird er sich einleben?

Er lebt sich ein und er wird unser liebes von allen verhätscheltes Haustier. Er läuft uns nach und springt uns auf den Schoß und auf Schultern, wenn wir uns hinsetzen oder ihn rufen. Wenn Leute zu Herrn Pfarrer kommen, sich setzen und im Gespräch unwillkürlich auf die Knie schlagen, fasst dies Peter als Aufforderung auf und springt auf den Schoß der Person. Manche erschrecken dann furchtbar. Das vergnügt Adelheid und mich und wir lachen in diebischer Freude. Was mag aus Peter nach der Vertreibung geworden sein? Wahrscheinlich ist er verhungert.

Unsere Familie und Tante Rosi schlafen in zwei Zimmern im oberen Stockwerk gegenüber den Räumen, die die Gendarmen beschlagnahmt haben. Doch hier gibt es nicht genug Betten für alle von uns. Adelheid muss auf dem Sofa in der Wohnküche schlafen. Die Erwachsenen glauben, dass Adelheid fest schläft. Doch in Wirklichkeit ist sie wach und hört alles mit, was diese unter sich reden.

Fortsetzung folgt

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