Fortsetzung: Vertrieben (25)

29.06.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Sie erzählt mir am nächsten Tag voller Unruhe, es habe eine Auseinandersetzung zwischen Muttl und Tante Rosi gegeben. Tante Rosi bedrängt Muttl, endlich wieder nach Bennisch zurück zu gehen. Muttl weint. „Ihr könnt mich doch nicht in dieser gesetzlosen Zeit mit den Kindern schutzlos ins Ungewisse gehen lassen“. Tante Rosi: „Du kannst dem Herrn Pfarrer nicht weiter zur Last fallen“. Ganz furchtbar ist es für uns, dass Muttl geweint hat.


Herr Pfarrer schildert diesen Sachverhalt etwas anders in seinen Erinnerungen:

„…Ich glaube, es war auch die Zeit, in der Frau Killian und ihre Kinder ins KZ kamen. Sie waren im Juni oder Juli 1945 nach Bennisch, ihre Heimatstadt, zurück gegangen, nicht gern, mit Tränen. Denn wer konnte sie dort beschützen, was würde sie dort erwarten, wie würden sie sich dort ernähren? Aber die Tschechen hatten bekannt gegeben: Wer nicht sofort in seine Wohnung oder sein Haus zurück kehrt, der wird enteignet und verliert sein Haus und alles, was sich darin befindet. Und das wollte Frau Killian vermeiden, auch wollte sie die wissenschaftliche Ausrüstung ihres Mannes retten, die sehr wertvoll war.
Sie hätten nicht gehen sollen, denn wir hörten später, dass sich in Bennisch Schreckliches zugetragen hatte. Wir hörten damals in der Pfarrei sehr oft die Radiosendungen aus Prag (Ich durfte mein Radio behalten, da ich aus dem Hultschiner Ländchen stamme und als Tscheche galt). Da wurde gegen die Deutschen gehetzt: Pozor, Pozor (Achtung, Achtung)! Tod allen Deutschen! In Prag hängte man die Deutschen an die Laternenpfähle und verbrannte sie daran. Und nach diesem Beispiel verfuhren dann die Tschechen auch in den deutschen Orten gegen die Bevölkerung. So auch in Bennisch. Es gab dort wilde Progrome und eines Abends…..“


Es war der 29. Juni 1945, als wir nach Bennisch zurück kehrten. Auf den grünen Leiterwagen packen wir die wichtigsten Habseligkeiten. Man gibt uns auch Lebensmittel, zum Beispiel Zicklfleisch und Milch, mit, denn der Pfarrhof betreibt ja Landwirtschaft und an Essbarem herrscht kein Mangel. Die Milchkanne hängen wir an den Rahmen des Wagens. Zu Fuß geht es zunächst bis nach Freudenthal (mehr als 20 Kilometer). Dort rasten auch wir wieder bei Straubes. Die wohnen in einer Villa, die von einem sehr großen, parkartigen Garten umgeben ist. Doch das Haus ist ganz leer, ausgeräumt und ganz kahl. Alles haben die Russen geplündert. Im Garten gibt es dichte, beschnittene Bäume mit Hohlräumen unter den Zweigen. „Schöne Spielhäuschen“, finden Adelheid und ich. Wir essen von unseren Vorräten. Die Milch ist sauer geworden und auf dem Milchspiegel da schwimmen die Butterklümpchen. Das kommt vom Rütteln des Wagens. Es stört uns nicht allzu sehr. Auch Sauermilch kann man gut trinken.

Noch etwa 12 Kilometer bis Bennisch. Mit tun die Füße so weh, so weh. Kaum kann ich es aushalten und ich jammere laut. Kein Wunder: die Schuhe sind viel zu klein. „Zieh doch deine Schuhe aus und geh´ barfuß“, rät mir Muttl. Ich ziehe die Schuhe aus und bin wie erlöst. Zum ersten Mal erfahre ich, dass barfuß gehen herrlich ist. Der Sand und die kleinen Steinchen auf der unasphaltierten Straße machen mir seltsamerweise nichts aus.

Nun sind wir im Bennischer Wald. Bald werden wir die Bergstadt erblicken. – Was ist das für ein tiefes Dröhnen vor uns? Es wird lauter und lauter. Etwas kommt uns entgegen! „Schnell, schnell, ins Gebüsch. Wir müssen uns verstecken“! Zufällig zweigt nach links ein Weg ab. Wir biegen hinein und schnell unter den Strauch. Gerade noch rechtzeitig! Ein Russenpanzer donnert vorbei. Die vielen Russen darauf sehen uns nicht. Gott sei Dank! Nun ist der Panzer vorüber. Ich richte mich etwas auf und – da! Auch auf der Rückwand des Panzers steht unerwarteterweise ein Russe. Der sieht mir direkt in die Augen. Und dieser Blick fällt wie ein eiskaltes Messer mir tief ins Herz. Nun wird er abspringen! Gleich werden die Russen über uns sein! – Nein, der Panzer hält nicht, er fährt weiter. Wir sind gerettet.

Fortsetzung folgt

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