Fortsetzung: Vertrieben (26)

05.07.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Todmüde erreichen wir Bennisch. Nun müssen wir nur noch den hohen Berg von der Aue zum Ringplatz bewältigen. Unterwegs trifft Muttl Bekannte. Die berichten nichts Gutes: Unser Bäcker, der Groß Bäcker, ist von den Russen erschossen worden, weil er versucht hatte, seine Frau vor ihnen zu schützen. Sein Haus wurde angezündet und steht als Ruine am Ringplatz. Frau Bannert, die Frau unseres Schuldieners, eine schlanke, braunhaarige Frau, ist bei den Russenvergewaltigungen ums Leben gekommen.


Und unter den tschechischen Partisanen hat es ganz wilde Exzesse gegeben: So mussten sich zusammen getriebene Männer gegenüber in Reihen aufstellen. Man zwang sie, sich gegenseitig in das Gesicht zu schlagen und dabei „Wir danken unserem Führer“! zu rufen. Und wehe, wenn einer nicht stark genug zuschlug! Diese und andere abscheuliche Misshandlungen wurden sogar dem russischen Stadtkommandanten zu viel. Er hat dem Treiben schließlich Einhalt geboten.

„Kinder, jetzt haben wir kein Dienstmädchen mehr. Jetzt müsst ihr bei der Hausarbeit mithelfen“. Muttl zeigt uns, was wir machen können: nicht nur Abtrocknen und Kartoffelschälen wie bisher – nein, auch Abwaschen, Bettenmachen, Staubwischen, Auskehren, Gemüse putzen und viele andere Dinge. Aber mir ist das gar nicht lästig. Im Gegenteil, ich bin stolz, fühle mich wichtig und ernst genommen. Mein Selbstwertgefühl steigt beträchtlich. Langeweile gibt es nicht mehr. Auch Gottfried hilft bei der Hausarbeit. Als er einmal den Küchenfußboden gewischt hat, will er nicht dulden, dass er wieder betreten und damit schmutzig gemacht wird.

„Jetzt heißt es: Friss Vogel oder stirb“! Wieder so ein rätselhafter Vogel-Ausspruch. Was meint Muttl nur? Wovon leben wir in Bennisch? Auf die Lebensmittelkarten dürfte es kaum noch etwas gegeben haben, denn alle Ordnung und jede Versorgung sind ja zusammen gebrochen. Hunger droht den Menschen. Wir dürften vor allem von Vorräten (Kartoffel, Mehl, Eingekochtem) gelebt haben. Adelheit und ich werden zum Brennnesselsammeln ausgeschickt. Muttl erklärt uns, dass man nur die Triebspitzen und die obersten Blätter nehmen soll, weil nur diese Pflanzenteile gut schmecken. Fast jeden Tag gibt es nun Brennnesselsuppe. Ach, da haben wir uns beim Sammeln oft schmerzhaft die Finger verbrannt. Aber da ist nichts zu machen. Wehleidig dürfen wir einfach nicht sein (Da denken wir manchmal an die seltsame Frau vom Vorjahr in Mohrau. Wir hatten uns über sie lustig gemacht, doch jetzt ist tatsächlich eingetroffen, was sie voraus gesagt hatte).

Mit vielen anderen Bennischern wird Roswitha von den Tschechen zu Feldarbeit gezwungen. Einmal stoßen die Arbeiterinnen auf eine verendete Kuh. Alles stürzt sich darauf und reißt oder schneidet Fleischstücke aus dem Kadaver. Auch Roswitha kommt mit einem großen Fleischstück nach Hause. Ich sehe noch Muttls misstrauischen Blick, der prüfend den Brocken betrachtet. War die Kuh vielleicht krank? Ist das Fleisch bereits angewest? Doch die Bedenken werden zur Seite gewischt. Zu kostbar ist Nahrung. Fleisch ganz besonders, in dieser Zeit drohenden Hungers.

Sonst weiß Roswitha fast nichts mehr aus jenen Tagen. „Für euch war es abenteuerlich“, sagt sie, „doch für mich war es furchtbar. Ich hatte nur Angst – Angst – Angst…! Deswegen habe ich alles verdrängt“.

Fortsetzung folgt

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