Fortsetzung: Vertrieben (27)

10.07.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Auch durch Bennisch werden Viehherden getrieben. Gottfried nimmt heimlich eine Kuh an sich und will sie – nach Mohrauer Vorbild – am Strick zu den Dorners führen. Doch man erwischt ihn dabei. Jetzt wird es äußerst gefährlich für uns. Irgendwie aber ist es Muttl gelungen, den noch kindlichen Gottfried zu beschützen und unbeschadet davon zu kommen.


Muttl tut sich mit andern Frauen zusammen. Sie wollen im Wald Himbeeren sammeln. Alles, was den Speisezettel aufbessert, ist ja mehr als willkommen. Adelheid und Viktor dürfen mitgehen, doch ich (warum?) soll alleine zu Hause bleiben. Doch nicht in unserer Wohnung sondern im Haus vom Uhrmacher Zeiger in der Troppauer Straße, uns schräg gegenüber. Wahrscheinlich sollen mich die Tschechen nicht bemerken, die das Haus auf der anderen Straßenseite besetzt haben. Ich freue mich, dass mich Muttl am nächsten Tag in den Wald mitnehmen will.

In einem großen halbdunklen Raum inmitten des Zeiger Hauses soll ich mich aufhalten. Der Raum erhält Licht nur von vorgelagerten Zimmern und ist daher von der Straße nicht einsehbar. Zunächst bin ich recht zufrieden, denn im Raum gibt es massenhaft Bücher und ich lese sehr gerne. Doch was ich da zum Lesen erwische, ist zum Teil gar nicht gut für mich allein gelassenes Mädchen. Da gibt es eine spannende aber überaus grausige Geschichte von einem in völligem Dunkel Eingekerkerten, den die allmählich zusammenrückenden Wände heimtückisch einem verderblichen Schlund zutreiben (eine Erzählung von E. A. Poe?). Ich bekomme furchtbare Angst, doch da ist niemand, der mir die Angst nehmen könnte. Eine andere Geschichte handelt von einem edlen Liebespaar. In rasender Wut tötet der Held seine Liebste, der er fälschlich für untreu hält. Zu spät erkennt er den schrecklichen Irrtum (Sage von Achill und Penthesilea?). Ich identifiziere mich völlig mit den Personen, werde todtraurig, muss weinen, weinen, weinen – kann mich nicht mehr beruhigen. Niemand ist da, um mich zu trösten.

Der Tag will nicht enden. Endlich kommt Muttl mit Viktor und Adelheid zurück. Adelheid erzählt, zuerst wäre es sehr schön gewesen im Wald. Doch plötzlich sind Tschechen erschienen. Die haben die Leute angeschrien und angebrüllt. Deutsche dürfen die Stadt nicht mehr verlassen! Wehe, wenn sie uns nochmals im Wald antreffen! Todesstrafe bei Nichtbefolgen! So gibt es kein Himbeersammeln für mich mehr in Bennisch.

Ein Befehl ergeht an die Deutschen. Alle Bücher mit festem Einband müssen abgeliefert werden. Strengste Strafe bei Nichtbefolgen. Jetzt geht es um Papas wertvolle wissenschaftliche Buchsammlung. Doch Muttl ersinnt einen Ausweg. Die festen Einbände werden abgerissen und im Ofen verbrannt. Tagelang heizen wir unseren Küchenofen nur mit den Buchdeckeln. Die weniger wertvollen übrigen Bücher lagern in Stapeln auf unserem Balkon. Ich greife mir welche und lese darin. Und ich bin entzückt. Ein wunderbares Buch mit „so schönen Gedichten“ habe ich zufälligerweise entdeckt. Es ist ein Balladenbuch. Zum ersten Mal lese ich deutsche Balladen (z.B. „Des Sängers Fluch“ von Uhland). Soviel ich weiß, sind die Bücher alle am Ringplatz verbrannt worden.

Am 10. Juli ist Mamas(+) Geburtstag. Muttl schickt Adelheid und mich zum Gottesdienst in die Kirche. Wir kommen etwas zu spät und trauen uns nicht in das Schiff. So bleiben wir im Vorraum stehen und als sich von der Empore her Schritte nähern, verstecken wir uns. Es ist das letzte Mal, dass wir zu einem Gottesdienst die Bennischer Kirche betreten.

Fortsetzung folgt

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