Fortsetzung: Vertrieben (28)

17.07.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

17. Juli 1945: Es klingelt an unserer Wohnungstür. Unser Nachbar, der Uhrmacher Zeiger, bringt einen Befehl von den Tschechen: Wir haben uns um 18 Uhr mit Verpflegung für wenige Tage am Ringplatz einzufinden. Strengste Strafe bei Nichterscheinen. Es gehe um einen Ernteeinsatz (14 Tage) zu tschechischen Bauern. Wir haben Glück. Weil er Nachbar ist, sind wir die Ersten, zu denen Herr Schreiber mit diesem Befehl kommt. So bleiben uns bis zum Termin noch etwa zwei Stunden Zeit. Überlegt packt Muttl mit Roswithas Hilfe alles Wichtige auf unseren Leiterwagen: Kleidung, Decken, Dokumente, Lebensmittel, soweit wir noch welche haben.


Etwa 700 Menschen, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, versammeln sich abends am Ringplatz. Alle werden namentlich aufgerufen. Wehe denen, die fehlen! Zum Übernachten (auf blankem Fußboden) geht es in das Gasthaus „Felsenkeller“.

Die Leute wollen schon schlafen. Plötzlich wird die Tür aufgerissen. Bewaffnete Tschechen erscheinen. „Wo ist der Mann, der gesagt hat, ´die Tschechen sind Schweine´“?! Lähmende Stille. Die Tschechen blicken umher. „Du, du bist es gewesen“! Sie deuten auf einen weißhaarigen Alten. „Ich war es nicht, ich war es nicht“! Umsonst, die Tschechen zerren den Alten hinaus. Erregtes Stimmengewirr. Da wird die Tür aufgestoßen und ein einziger Schrei steigt im Saal auf. Vor uns steht der alte Mann, blutüberströmt. „Seht ihn euch an. So es wird gehen allen, die die Tschechen beleidigen“. „Ich hab das nicht getan“, ruft kläglich wieder der Mann – Ein furchtbarer Hieb mit der Maschinenpistole und der Alte wird vor unseren Augen zu Boden geschmettert. Weinen und Jammern. Man trägt den Mann auf einer Bahre hinaus. Wer es war und was aus ihm geworden ist? Ich weiß es nicht.

Am nächsten Tag geht es in Viererreihen nach Freudenthal. Schwerbewaffnete Tschechen schreiten die Reihen ab. Einige frei gebliebene Bennischer begleiten den Zug. Unter ihnen ist auch der Raab Willi, den wir früher so oft geärgert haben. Jetzt empfinde ich große Hochachtung vor dem Jungen, weil er an unserem Schicksal teilnimmt. Auch ein treues Hündchen läuft mit. Seine Besitzer müssen es natürlich zurück lassen. In Freudenthal Massenlager in der Schule. Alle werden durchsucht und was den Tschechen gefällt, das nehmen sie sich. Auch Frau Brech mit ihren fünf Kindern ist unter den Leuten. Lieselotte und Marianne waren Klassenkameradinnen von uns. Wir sind begeistert von der herzigen zweijährigen Ingrun, der Jüngsten dieser Familie. Sie hat den Kopf voller Löckchen, ist ein frisches schelmisches Kind.

Am Freudenthaler Bahnhof ist ein Güterzug mit oben offenen Wagen für uns bereit gestellt worden. Es ist schwierig, das Gepäck in den Wagen zu heben (wir haben ja den beladenen Leiterwagen!). „Ja, jetzt fehlen uns die deutschen Männer“, sagen die Frauen. (Von den Männern wird mit großer Hochachtung gesprochen. Man hilft ihnen, wo man nur kann. Beispielsweise gibt man herum irrenden ehemaligen Soldaten gern die ersehnte Zivilkleidung. Ob die Männer die Hochachtung immer verdient haben?)

Der Zug fährt mit einem Ruck los, sodass viele der Leute umfallen (die meisten müssen ja stehen). „Das haben die Tschechen mit Absicht getan“, meinen die Frauen. Der Zug fährt nach Süden. Bei Kriegsdorf halten alle Ausschau nach dem Gebirge, das man auf dieser Strecke hier zum letzten Mal sieht. Und alle bewundern den wohlvertrauten markanten Gebirgszug. Wann würden wir ihn wieder sehen?

Weiter südwärts fährt der Zug durch ein romantisches bergiges Laubwaldgebiet mit rauschenden Bächen und Felsen. Es ist der Bruchrand des Niederen Gesenkes gegen das mährische Tiefland. Ich bin sehr begeistert von der schönen Landschaft, vor allem von den hellgrünen Wäldern. Bei uns zu Hause gibt es nur düstere Fichtenwälder.

„Seht doch den Heiligen Berg. Er ist ja Ruine! Er ist abgebrannt“. Ganz aufgeregt sind die Leute. Tatsächlich, auf einer Anhöhe stehen skelettartig die leeren Reste von Kirche und Kloster dieser bei der Bevölkerung sehr beliebten Wallfahrtsstätte in der Nähe von Olmütz. (Vater hat den „Heiligen Berg“ brennen sehen, als er sich zu Kriegsende mit seinen Truppen in der Gegend um Olmütz aufgehalten hat.)

Fortsetzung folgt

—————

Zurück