Fortsetzung: Vertrieben (29)

05.08.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

In Hodulein, einem Vorort von Olmütz, endet die Zugfahrt. Alle müssen aussteigen und sich familienweise aufstellen. Uns kontrollieren schwerbewaffnete Tschechen. Aus jeder Familie sortieren sie die Arbeitsfähigen ab 12 Jahren aus. Wenn Großeltern bei der Familie stehen, sortieren sie die Mutter aus und nur die Alten bleiben bei den Kindern zurück. Für Säuglinge, die noch Milch benötigen, bedeutet dies den baldigen Tod. Doch das weiß jetzt noch niemand.


Aus unserer Familie werden Roswitha (knapp 17 Jahre) und Gottfried (13 Jahre) gewählt. Gottfried will sich verabschieden. Doch das gefällt den Tschechen nicht. Nie werde ich den brutalen, mit aller Gewalt geführten Fußtritt vergessen, den der Tscheche Gottfried verpasst, weil der sich nicht schnell genug von uns trennt. Sie werden auf einen anderen Bahnsteig gebracht. Roswitha hat den Leiterwagen mit unseren Sachen automatisch weitergezogen. „Den muss doch Muttl haben, den muss doch Muttl haben“, denkt sie angstvoll und irgendwie gelingt es, dass wir den Wagen zurück bekommen.

Ein Junge weint bitterlich auf dem anderen Bahnsteig. „Ach, der ist ja viel zu jung, noch keine 12 Jahre“! Alle Frauen sind bestürzt und voller Mitleid. Da gelingt es dem Jungen in einem unbewachten Augenblick zu unserer Freude, zu uns zurück zu rennen und er ist glücklich wieder bei seinen Leuten.

Die aussortierten Bennischer werden weg gebracht. Wie im Nichts verlieren sich Roswitha und Gottfried für uns und es soll Wochen dauern, bis wir erfahren, wo sie verblieben sind. Unsere Gruppe aber wird durch die Stadt getrieben. Stumm schauen Leute aus den Fenstern zu uns herunter. Da erinnere ich mich an den Sträflingszug zu Jahresbeginn in Bennisch. Jetzt sind wir die Gefangenen.

Man bringt uns in ein großes Lager mit Holzbaracken, die angeblich noch aus deutscher Zeit stammen. Uns wird Baracke 10 zugewiesen. Ein Galgen steht vor der Baracke. In geringer Entfernung befinden sich Kellereingänge. Bald werden wir erfahren, wozu dieser Keller dient. (Kurze Zeit vor unserer Ankunft ist am Galgen ein Mann aufgehängt worden. Alle Deutschen im Lager sind versammelt worden und mussten zusehen).

Etwa 240 Frauen und Kinder drängen sich in die leere Baracke. Die wenigen Männer sind von uns abgetrennt und in einer anderen Baracke untergebracht worden. Alles bleibt dem Zufall überlassen. Niemand wird registriert, der Menschenstrom wird nicht reguliert oder verteilt.

Die Baracken sind lange Gebäude mit Mittelgang. Rechts und links vom Gang liegen die Räume (etwa 14). Die beiden vordersten sind dem Wachpersonal vorbehalten. Hier hängen die Fähnchen der Siegermächte und auch die tschechische Flagge. Das hintere Ende nimmt ein großer Waschraum ein mit Rundbecken, an dessen rötlicher Mittelsäule mehrere Kaltwasserhähne angebracht sind. Auch die Toiletten befinden sich dort.

Muttl, Viktor, Adelheid und ich gelangen zunächst in einen bereits völlig überfüllten Raum. Doch sehr schnell gelingt es Muttl, in einen anderen Raum mit weniger Menschen zu schlüpfen. Die Räume sind völlig leer. Ausser einem schmalen Eisenofen in einer Ecke ist nichts drin. Wir müssen auf dem Fußboden liegen. Gut, dass Muttl beim Packen an genügend Decken gedacht hat. So können wir welche am Fußboden ausbreiten und uns mit anderen zudecken. Das Schlafen auf dem harten Boden macht mir nichts aus. Kinder sind anpassungsfähig. Auch gefroren haben wir nicht. Es war ja Hochsommer und es wahr eher unangenehm warm in den unisolierten Baracken. 16 Menschen sind in unserem Zimmer untergebracht.

An der rechten Längsseite liegt zuerst Frau Groß mit der etwa 7-jährigen Christa. Weil die Frau primitiv und unangenehm ist, ist sie bei den anderen wenig beliebt. Einmal möchte sie, dass wir gemeinschaftlich Knödel kochen. Jede Familie soll Zutaten beisteuern. Muttl soll Mehl geben. Muttl ist erbittert. Sie braucht keine Knödel, aber dringend das Mehl. Aber was soll sie tun? Sie will sich die Frau nicht zur Feindin machen. Ihre Tochter, die wehleidige Christa, mögen Adelheid und ich nicht leiden. Als sie sich einmal einen Schiefer in die Hand eingezogen hat, muss man sie beim Entfernen festhalten, so sehr wehrt sie sich. Und sie schreit gellend dabei. Adelheid und ich können so ein Verhalten nur von Herzen verachten.

Dann kommt der Platz von Frau Brech mit dem Fritz, der etwas älter ist als wir, und der 8-jährigen Gerda. Fritz ist ein netter gutmütiger Junge und wird zu unserem Hauptspielgefährten in Hodulein. Von ihm lernen wir, auf einem papierüberspannten Kamm Lieder zu blasen. Solche „Kammkonzerte“ üben wir stundenlang. Wie haben die Erwachsenen das nur ausgehalten? Es folgt die Liegestätte von uns (vier Personen). Rechts von uns liegt Frau Philipp mit dem zweijährigen Heinzi. Er ist der Jüngste in unserem Raum. Uns gegenüber an der linken Längsseite hat Frau Tschassni mit Gretel (6 Jahre) und Heidi (4Jahre) ihren Schlafplatz gefunden. Beide Mädchen sind ausgesprochen hübsch und haben lange braunlockige Haare. Heidi ist etwas schwierig und neigt zu Zornanfällen und die Mutter hat es manchmal nicht leicht mit dem Kind.

Schließlich ist noch Frau Eisner mit ihrer Rosalinde (etwa 6 Jahre) in unserem Raum und dann kommt der Eisenofen in der unteren Ecke. Die verhältnismäßig schmale Frontseite mit Fenstern zum grasbewachsenen Vorplatz gegen die Nachbarbaracke und die Türseite bleiben von Liegeplätzen frei. Ausser Muttl (40 Jahre) sind dies alle sehr junge Frauen (z.T. nur knapp über 20). Mir ist es zeitweise peinlich, dass Muttl schon so „alt“ ist. Doch vor unserer Mutter (eigentlich Stiefmutter) haben die Frauen Respekt. Dazu trägt wahrscheinlich Muttls unaufgeregtes, vernünftiges und überlegtes Verhalten wesentlich bei. Sie sprechen sie mit „Frau Fachlehrer Killian“ an. Doch Muttl wehrt ab. „Wir sind alle gleich geworden. Fachlehrer gibt es nicht mehr. Sagt einfach ´Frau Killian´zu mir.

Fortsetzung folgt

—————

Zurück