Fortsetzung: Vertrieben (3)

05.07.1944 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Oft spielen wir jüngeren Kinder auf dem Balkon. Von hier aus kann man im Hof Hochinteressantes beobachten: Hühner laufen herum, Katzen, die Hunde Putzi und Schnuckiputzi, manchmal auch Schweine und natürlich die Knechte und Mägde von Dorners (unseren Vermietern), mit denen wir Spaß machen oder bei ihrer Arbeit zusehen (z.B. an der Kartoffelwasch- und Sortiermaschine). Es sind Fremdarbeiter (Russen oder Polen), die verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden. Über ihr schreckliches Schicksal macht man sich offenbar wenig Gedanken. Man braucht sie als Arbeitskräfte, weil die deutschen Männer im Krieg sind. Auch Herr Dorner steht an der Front und den Hof führt Fräulein Paula, eine ältere Verwandte von ihm. Da gibt es den langen, lustigen Nikolaus, der gern mit uns schäkert, den untersetzten, finsteren Tadek und die junge rotwangige Kathi. Von ihr waren die Michaline und die Toscha am Hof. Toscha ist krank geworden und bald gestorben. Erst als sie schwer krank war, haben die Leute erfahren, dass sie ein Kind hatte. Sie hätte nach ihm geweint und gejammert, erzählt uns Roswitha in Mohrau, wo wir uns damals immer zur Ferienzeit aufhalten. Da sind wir alle erschüttert.


Sommerferien! Herrlich! 8 Woche schulfrei! Wie in jedem Jahr fahren wir auch diesmal wieder nach Mohrau. Dort haben unsere Großeltern ein Häuschen gekauft, als sie den Pfarrhof nach dem Tod von Herrn Onkel verlassen mussten (Herr Onkel war Pfarrer in Mohrau und der Großvater bei Herrn Onkel Wirtschafter und die Großmutter Wirtschafterin gewesen). Jetzt sind die Großeltern tot und in dem Häusl wohnt nur Tante Rosi, Papas einzige Schwester.

Da erreicht ein Brief unseren Vater. Betreten und enttäuscht kommt er zu uns: „Kinder, wir können heuer nicht wandern. Ich muss wegfahren.“ (Unser Vater war gleich zu Kriegsbeginn zum Militärdienst eingezogen worden. Doch nach Mamas Tod am 26. Dezember 1939 hat man ihn als zu Hause „uk“ – unabkömmlich – freigestellt. So haben wir das seltene Glück gehabt, dass unser Vater in dieser Kriegszeit im Gegensatz zu den meisten der Männer bei uns zu Hause gewesen ist). Er hat einen Einberufungsbefehl zum „Schanzen“ erhalten. Bedrohlich haben sich die Russen Deutschlands Ostgrenze genähert. Nun sollen die bisher daheim gebliebenen Männer Panzergräben und Schanzwerke gegen die vordringenden feindlichen Truppen errichten. Man hofft, auf diese Weise die Russen stoppen zu können. Papa wird nach Schlesien in die Gegend von Lamsdorf und Neustadt gebracht. Oft schreibt er uns und einige seiner damaligen Briefe sind bis heute erhalten. Ohne unseren Vater müssen wir den Rest unserer Ferien verbringen.

In diesem Sommer 1944 spielen wir „Flucht“ mit Viktor (unserem kleinen Bruder). Wie kommen wir dazu? Seit geraumer Zeit sind Pferdewagen durch Bennisch gezogen, einzeln oder in Trecks. Meist machen sie Halt am Ringplatz und so können wir sie vom Wohnzimmerfenster aus gut beobachten. In der Regel sind die Wagen mit Planen überspannt, alle sind beladen mit jeglichem Hausrat und sie werden begleitet von Frauen, Kindern und alten Leuten. Jüngere Männer sieht man fast nie. Die sind ja alle im Krieg. Ich entdecke eine alte Frau zwischen Kissen im Wagen. „Sicher ist sie krank und kann nicht mehr gehen“. An einem Wagen hängt ein Käfig mit einem Stubenvogel. Was sind das für Leute? „Das sind Flüchtlinge aus dem Osten“, sagt Muttl, „sie flüchten vor den Russen“.

Das können wir gut verstehen. Denn dass die Russen entsetzlich sind, das hören wir jeden Tag. Plakate sind ausgehängt. Sie zeigen eine riesige Faust, die Frauen und Kinder zerquetscht. Blut tropft unten heraus. So geht es denen, die den Bolschewisten in die Hände fallen, soll den Menschen verdeutlicht werden.

Fortsetzung folgt

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