Fortsetzung: Vertrieben (32)

17.08.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Große Aufregung! Unser Lager soll von irgendeiner Organisation kontrolliert werden. Es gilt als Lager für Schwerkriegsverbrecher. Doch sind wir dies – Frauen und kleine Kinder? Unser Aufenthalt lässt sich kaum rechtfertigen. Wir müssen verschwinden.


„Ihr kommt nach Hause. Ihr werdet entlassen“. Ach, wie freuen wir uns! Der Brech Fritz wirft sich voll Freude auf seinen Rücken und strampelt mit seinen Beinen. Nach etwa vier Wochen in Hodulein soll es endlich zurück nach Bennisch gehen. Tatsächlich! Bald werden die Bennischer in Busse verladen. Auf dem Busdach türmt sich unser Gepäck. Voll Jubel fahren wir los. Da – ein lauter, heftiger Schlag. Der Bus bleibt stehen. Was ist los? Der zu hoch beladene Bus hat eine Unterführung gerammt. (Unser Aluminiumtöpfchen, das in Kesselbach jetzt noch verwendet wird, wurde zusammen gedrückt. Seine etwas verzogene Form erinnert noch heute an jene Begebenheit. Andere erlitten weit größere Schäden an ihrem Gepäck.)

Einen seltsamen Weg nimmt der Bus. Er müsste nordwärts fahren, aber er fährt in westlicher Richtung. Fremde Ortsnamen tauchen auf. Dort liegt eine große Fabrik, ruinenhaft, ganz zerschossen. Weshalb biegt der Bus hier ein? Wir fahren durch ein Tor. Wachleute erscheinen. Wir müssen aussteigen. Man hat uns nicht nach Hause, sondern in ein anderes Lager gebracht.

Es ist ein grauer, ein düsterer Tag, als wir am Sonntag, den 17. August 1945, in Stefanau aus dem Bus steigen. Vor uns Trümmerfelder, doch auch Gebäude, die zwar keine heilen Fenster aber doch Dächer besitzen. In einem riesigen düsteren, mit Strohsäcken ausgelegten Saal, in den nur vom Eingang her wenig Licht fällt, wird Muttl ein Platz für uns angewiesen. Doch da hat sich Muttl entschlossen gewehrt. „In dieser dunklen und feuchten Ecke kann ich mit den Kindern nicht bleiben“! Sie will zu den Frauen, mit denen wir in Hodulein das Zimmer geteilt haben. Und Muttl hat Erfolg. Man bringt uns in ein kleines Gebäude (ein ehemaliger Maschinenraum?). Dort finden wir die Frauen aus Hodulein.

Der langgestreckte Innenraum dieses Gebäudes hat rechts zerbrochene hohe Fabrikfenster und ist an den Längsseiten dicht an dicht mit Strohsäcken ausgelegt. Angeblich haben vor uns Soldaten und Verwundete auf den Säcken geruht. Zwischen den Strohsackreihen läuft ein etwa 50 cm breiter Mittelgang. Unserer Familie werden zwei Strohsäcke zur Verfügung gestellt. Mehr Platz gibt es nicht. Für niemanden hier. Auf jedem Strohsack müssen zwei Menschen liegen. Nur 80 cm breit sind die Strohsäcke. Man berührt sich beim Liegen. Das Schlafen wird zur Qual. Man darf nur ausgestreckt liegen und darf sich nachts auch nicht drehen, weil man sofort den Nachbarn aufwecken würde.

Aber weich liegen wir. Endlich nicht mehr ein harter Fußboden zum Schlafen! Geradezu ein Luxus ist das. Wir freuen uns sehr. Doch die Freude sollte nicht lange währen. Was sind das plötzlich für juckende Bissstellen an unserem Körper? Da krabbelt doch etwas auf uns! Was krabbelt denn da? Läuse sind es, Kleiderläuse. Die Strohsäcke, die wir bekamen, sind völlig verlaust.

Auch Kopfläuse befallen bald alle. Das Läusesuchen wird nun zur täglichen Pflicht. Gleich nach dem Aufwachen werden alle Kleidungsstücke sorgfältig nach Läusen abgesucht. Gerne sitzen sie an den Nähten der Unterseite und man muss ganz genau hinschauen. Nur so wird der Läusebefall in erträglichen Grenzen gehalten. Danach schütteln Adelheid und ich alle Schlafdecken aus und falten sie ordentlich zusammen. Tagsüber ist ihr Platz am Kopfende der Strohsäcke. Dahinter liegt unser Gepäck.

Fortsetzung folgt

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