Fortsetzung: Vertrieben (34)

01.09.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Es gibt genug Kinder als Spielgefährten und die Trümmerfelder und Mauerresteaus zerbrochenen Ziegelsteinen sind wie ein riesiger Abenteuerspielplatz für uns. Niemand befiehlt oder beaufsichtigt die Kinder. Wir sind völlig ungebunden. Wäre nicht der Hunger gewesen, hätten wir ein herrliches Kinderleben gehabt. Es bilden sich Gruppen von etwa Gleichaltrigen. Viktor ist in seiner eigenen Gruppe und wir haben wenig Berührung mit ihm. Bei unseren Altersgenossen tun sich Mädchen und Jungen zunächst in einer gemeinsamen Gruppe zusammen. Aus den Ziegelsteinen, die überall herum liegen, bauen wir Häuschen, eins davon mit einer „Liege“ und mit einem Bretterdach. In diesem Häuschen bin ich sogar einmal eingeschlafen. Jetzt ist es eine richtige „Wohnung“ für mich.


Später trennen sich Jungen und Mädchen und kämpfen sogar gegeneinander. Vorher aber haben wir die Ziegelsteinhäuschen gerecht untereinander aufgeteilt. Leider bekommen die Jungen das Bretterdach-Häuschen. In unser Mädchenhaus mauern wir ein Versteck ein, legen als Schatz ein Stück Brot in das Fach und hängen über die Stelle ein von mir gemaltes Bild (Das mit gelben und hellblauen Stiften auf Pappe gemalte Bild zeigt eine Quelle im Wald. Die Farbstiftstummel haben Adelheid und ich irgendwo auf dem Lagergelände gefunden und sie sind Schätze für uns). Wie stolz sind wir, dass die Jungen das Versteck nicht finden, als sie einmal das Haus gestürmt haben.

Mit einem Becher voll Wasser gehe ich an der Jungengruppe vorbei. Da „sticht mich der Haber“. Das ist doch zum Ärgern eine gute Gelegenheit. Rasch und plötzlich schleudere ich das Wasser auf die friedlich dasitzenden Buben. Leider hat ausgerechnet der nette Brech Fritz das meiste abgekriegt. Das hatte ich nicht gewollt. Ich rase davon durch die leere Ruinenhalle neben unserem Maschinenhaus und fort durch die Fenster in entfernteres Gelände. Vergeblich. Die Jungen erwischen mich. Sie bilden einen Ring um den Fritz und mich. Wir sollen kämpfen. Durch die dauernden Streitereien mit Gottfried und Viktor bin ich im Kämpfen keineswegs ungeübt. Doch als der Fritz mit Boxen anfängt, bin ich verdutzt. Geboxt haben wir Geschwister nie miteinander, sondern in der Regel gerauft. Doch schnell fasse ich mich und boxe zurück und ziehe Fritz an den Haaren. Habe ich Fritz auf die Nase getroffen? Jedenfalls hört er auf mit dem Kämpfen. Nein, mit einem Mädchen kämpfen, das wolle er nicht. Die anderen feuern ihn an: „Weiter, mach weiter“! Doch der Fritz will nicht. Enttäuscht wird mir der Weg frei gegeben und stolzgeschwellt, hier obsiegt zu haben, verlasse ich den Kampfplatz.

Ein neuer Transport mit Deutschen wird ins Lager gebracht. Es sind Frauen und Kinder aus Mährisch Schönberg und auch in unseren bereits wahnsinnig überfüllten Raum werden zusätzlich Leute hinein gepresst. War bei diesem Transport die geistig verwirrte Frau, die die Tschechen absonderten? Mit einigen Jungen beobachten wir das Geschehen. Die Tschechen machen sich ihren Spaß mit der Frau, zwicken und demütigen sie und lachen lauthals, wenn sie treuherzig sagt: „Das dürft ihr nicht tun“. Mir wird fast schlecht vom Zusehen. Dann ist die Frau fortgeschafft worden und wir hören nichts mehr von ihr. Von anderen Demütigungen wird nur erzählt: So müssen angeblich Deutsche vor den Tschechen auf allen Vieren kriechen oder sie müssen Ausgespucktes vom Boden lecken.

An zwei Familien mit Mädchen in unserem Alter kann ich mich noch gut erinnern: Da ist Frau Kubischek mit der Rosi und Frau Funk mit ihrer Gerda. Die stämmige Gerda ist lebhaft und durchsetzungsfähig und sie wird bald unsere beste Freundin im Lager. Dagegen mögen wir die farblose, schüchterne und in unseren Augen langweilige Rosi nicht so besonders. Leider sind wir auch hässlich zu ihr. Zusammen mit Gerda wollen wir ihr Angst einjagen. „Komm, Rosi, wir zeigen dir etwas sehr Schönes“. Erfreut, dass wir uns mit ihr beschäftigen, geht sie arglos mit. Wir führen sie in ganz abseits gelegenes Lagergelände. Es ist Abend und es wird schon dunkel. „Ha, ha, nichts ist hier! Wir haben dich angeschmiert“! Schnell rennen wir weg und lassen sie im Dunkeln allein. Weinend kommt sie später zurück.

Fortsetzung folgt

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