Fortsetzung: Vertrieben (35)

05.09.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Mit Gerda üben wir Lieder ein. Seit einiger Zeit singen nämlich die Frauen am Abend und nun sollen wir Kinder auch einmal vorsingen. Adelheid und ich kennen nur Volkslieder, aber die Gerda, die kennt auch Schlager. Einer hat den Kehrreim „…Handschuh aus Glacee, ein volles Portemonnaie….“ Wir sind sehr beeindruckt und finden den Schlager ganz toll. Und wir waren recht erstaunt, dass Muttl den Schlager gar nicht so gut findet, dass ihr die Volkslieder viel besser gefallen.


Das gemeinsame Singen vor dem Schlafen am Abend hat einen besonderen Zauber und stärkt die Gemeinschaft. Eins der oft sentimentalen Lieder hat mir damals besonders gefallen und ich habe es teilweise bis heute behalten:
„Der Vollmond schien zum ersten Mal, die Kinder gingen hinunter ins Tal. Sie fielen betend zur Erde nieder: Ach Gott, gib uns unseren Vater wieder“.
„Der Vollmond schien zum zweiten Mal mit seinem silbernen Zauberstrahl. Da sprachen die Kinder: Nun wird er bald kommen. Der Krieg hat ja längst schon sein Ende genommen“.
Jedenfalls geht das Lied so aus, dass der Vater gefallen ist und die Kinder vergeblich gehofft und gebetet hatten.
Oft weinen die Frauen dabei. Sie alle bangen um ihre Männer, die in Krieg und Zusammenbruch verschollen sind. Ihr Schicksal wird im Lied angesprochen.

Eines Abends an der Tür Poltern und Krachen. Jäh verstummt das Singen und alles starrt erschrocken auf den eintretenden Tschechen. Doch der tut uns nichts, aber er schreit laut etwas auf tschechisch. Dabei soll er Tränen in den Augen gehabt haben. Er soll etwas Gutes gesagt haben. Hat ihn unser Singen gerührt?

Über die Mauer des Lagers könnte man leicht hinweg steigen. Eine Mauerpforte ist sogar unverschlossen und man könnte problemlos flüchten. Nur der Haupteingang wird von den Tschechen bewacht. Einer von ihnen heißt Pospischil. „Der Name passt gut“, meinen wir Kinder, „denn der beschielt ja unsere Post“ (alle Post wird nämlich zensiert). Doch die Tschechen lachen nur, als wir sie darauf ansprechen. „Ihr würdet nicht weit kommen“. Und das ist wahr. Rund um Stefanau liegt rein tschechisches Gebiet und bei einer Flucht würde uns unsere Sprache sofort verraten.

Wir Kinder steigen sogar auf die Mauerkrone. Aussen wachsen Brombeerhecken bis dicht heran. Tschechische Kinder kommen zum Pflücken und obwohl sie nicht deutsch und wir nicht tschechisch können, fangen wir an, miteinander zu reden. Nur ein Wort kann ich verstehen, nämlich „Kastrol“ (Kasserolle), das auch bei uns zu Hause gebraucht wird. Sie meinen wohl die Gefäße, in die sie die Beeren sammeln. Es wird lauter unter uns Kindern bis das Wachpersonal erscheint und die tschechischen Kinder schimpfend verscheucht.

Gegen Ende unserer Lagerzeit freunden wir uns noch mit einem etwas jüngeren Jungen an (Benno Langer). Sein Gesicht und sein Oberkörper sind übersäht mit verkrusteten Wunden. Was war geschehen? Noch in Hodulein hatte er herumliegende Munition aufgesammelt und ins Feuer geworfen. Es kam zur Explosion und die Splitter haben den Jungen getroffen, einer ganz nahe am Auge. Ein Wunder, dass er mit dem Leben davon kam. (War er der Sohn von der „Tschechenfreundin“ in Hodulein? Das würde erklären, dass das Munitionssammeln für die Familie nicht schreckliche Folgen hatte.) Mit Benno basteln Adelheid und ich aus einer Schachtel ein Puppenhaus, in das wir bewegliche Fenster und Türen einschneiden. Umrahmt hat Benno diese mit rotem Farbstift. Schön sieht es aus. Dazu fertigen wir uns Stühle und Betten an, einfach aus Pappe, die sich leicht spalten und passend biegen lässt. Von der Funk Gerda bekommen wir „Bettzeug“. (Eine Steppdecke, die uns besonders gefällt und an der wir hängen, haben wir später aus dem Lager mit nach Mohrau gebracht und sie liegt jetzt noch bei den Puppensachen in Kesselbach.) Ich nähe mir aus Stoffresten auch eine Puppe. Die finde ich schön, besonders das herzige Gesicht, das ich aufgestickt habe. Und ich liebe diese Puppe von Herzen.

Unsere Spiele haben die Erwachsenen natürlich manchmal gestört. Vor allem Frau Kluger schimpft häufig mit uns. Sie ist eine der „Reichsdeutschen“, die in Hodulein nicht erschossen worden waren. Wir können Frau Kluger nicht leiden. „Der richtige Name für sie“, meinen wir, „sie meint, sie sei klüger als wir“. Frau Kluger geht immer barfuß. Ihre Schuhe sind ihr in Fetzen förmlich von den Füßen gefallen. Doch sie findet Barfußgehen schön: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön das ist, wäre ich längst schon ohne Schuhe gegangen“. Wir Kinder gehen natürlich auch immer nur barfuß und sind durch die dicke Hornhaut ganz unempfindlich gegen den rauhen und steinigen Untergrund.

Fortsetzung folgt

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