Fortsetzung: Vertrieben (36)

10.09.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Nirgends in unserem Frauenlager gibt es einen Herd oder Ofen, an dem man sich wärmen oder worauf man kochen könnte. Eines Tages beschließen mehrere Frauen, in einem Gebäude neben dem riesigen Saal einen (Lehm?)Ofen zu bauen. Viel wird im Lager darüber gesprochen und Muttl bewundert die Frauen sehr, die sich dies zutrauen. Woher hatten sie die Kenntnisse, woher das Material, woher die Herdplatte aus Metall? Ich weiß es nicht. Jedenfalls entsteht ein gut funktionierender Ofen, auf den alle sehr stolz sind. Auf diesem Herd wird unter anderem der Haferschleim für die an Durchfall Erkrankten gekocht (wie ich bereits früher erwähnt habe).


Wo sind Roswitha und Gottfried? Seit sie in Hodulein von uns getrennt wurden, wissen wir nichts mehr von ihnen. Wohin sind sie gebracht worden, was ist ihnen zugestoßen? Eine zusätzliche große Belastung für Muttl. Doch dann schreibt Muttl an unsere Hausleute in Bennisch. Genau dasselbe hat auch Roswitha getan. Die Dorners können die jeweiligen Anschriften austauschen. So erfahren wir, dass Roswitha in der Nähe von Prerau, in Domazelice, bei tschechischen Bauern Zwangsarbeit leistet (wie es Roswitha in Domazelice ergeht, werde ich später noch berichten). Sehr viel später erst erfahren wir auch den Aufenthaltsort von Gottfried (Bochor südlich von Prerau), wo auch er auf einem Bauernhof arbeiten muss.

Ich weiß noch gut, wie Muttl in Stefanau an Roswitha geschrieben hat. Dem Brief haben Adelheid und ich eine Zeichengeschichte beigelegt, die wir mit unseren Buntstiftstummeln (hellblau und gelb) auf ein langes, schmales Papierband gezeichnet haben. Buntstifte und Papier hatten wir irgendwo auf dem Lagergelände gefunden und beides gehört zu unseren „Schätzen“. Als Roswitha den Brief erhält, findet sich in ihm nur diese Bildergeschichte. Muttl Schreiben dagegen war von der Zensur entfernt worden. Vielleicht hatte sie in dem Brief unsere Lage geschildert und das hat den Tschechen missfallen.

Hunger! Über allem steht der Hunger. Geschlagen oder gefoltert wird in Stefanau nicht. Doch der immerwährende Hunger nimmt extreme Ausmaße an. Hunger! Hunger! Er durchdringt jede Faser, jede Pore des Leibes, durchsetzt alle Vorstellung, erfasst jeden Gedanken. Niemals entgeht man ihm. Tag und Nacht beherrscht er uns schrecklich. Hunger! Hunger! Mehlbrei gibt es schon lange nicht mehr, denn das Mehl ist verbraucht. „Schlaft Kinder, schlaft viel, da spürt ihr den Hunger nicht so“, hat Muttl gesagt. Doch das rasende Verlangen, der wahnsinnige Trieb nach Nahrung verfolgt uns bis in den Traum. Phantasievorstellungen beherrschen und quälen uns. Ich sehe ein Brot vor mir, für mich ganz allein. Und ich „fresse“ mich durch das Brot von einem Ende zum anderen. Ich sehe ein Brathühnchen vor mir und verschlinge es wie ein Tier mit den Zähnen. Neben Brot haben wir nach Fleisch das größte Verlangen, vermutlich als Folge des extremen Eiweißmangels.

Immer mehr Todesopfer gibt es. Es stirbt die Zimmermann Ingrun, ein zweijähriges herziges Mädchen, das ich mit ihren roten Bäckchen noch vor mir sehe. Es stirbt die Schwarz Jutta. Tot liegt sie im Kinderwagen, geschmückt mit blauen Wegwarteblüten. Sie ist in dieser Familie schon das zweite Kind, das im Lager ums Leben kommt. Aus unserem Haus stirbt Frau Kasparek. Vor ihrem Tod hatte sie den Verstand verloren und lag phantasierend in der Ruinenhalle am Strohsack (Als in Hodulein einmal ausgekeimte Kartoffel ins Lager gebracht wurden, hatte sie sich auf den Haufen geworfen und mit ihrem Körper ganz zugedeckt. Niemand als sie sollte etwas von den Kartoffeln bekommen).

Besonders tragisch ist, dass die alte Frau Dorner ihrer Enkelin Ulrike ebenfalls in den Tod folgen musste. Nun haben die vierjährigen Zwillinge Hansi und Gerhild und ihre Geschwister Harald und Ilse keine Angehörigen mehr im Lager. Fremde müssen sich íhrer annehmen. Wir sehen sie nicht so oft, weil sie nicht in unserem Maschinenhaus sondern im großen Saal untergebracht sind. Doch immer, wenn ich sie sehe, weint die kleine Gerhild. Und die Läuse krabbeln auf ihrem Haar und den Kleidern herum (Später heißt es, auch sie sei gestorben. Doch das hat nicht gestimmt. Wir haben in den 50er Jahren die Familie Dorner in Bayern besucht. Es war eine ganz außergewöhnlich nette Familie, von einer Herzlichkeit, wie ich sie kaum noch irgendwo sonst erlebt habe).

Fortsetzung folgt

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