Fortsetzung: Vertrieben (40)

28.09.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Im Pfarrhof in Mohrau hat man sich offensichtlich lange um uns keine größeren Sorgen gemacht. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht. Aber obwohl die Pfarreileute wissen, dass wir uns im Lager befinden – Muttl hat ihnen geschrieben – hat jedenfalls Tante Rosi uns niemals ein Päckchen geschickt. Dabei war es allen sehr wohl bekannt, dass es den Deutschen in tschechischen Lagern alles andere als gut geht. Als aber die Wochen vergehen, bemüht sich Herr Pfarrer, uns frei zu bekommen. Das scheint nicht so einfach gewesen zu sein. Nicht leicht werden die deutschen Gefangenen wieder in Freiheit gesetzt. Herr Pfarrer greift zu einer List und fordert uns als Arbeitskräfte auf dem bäuerlich geführten Mohrauer Pfarrhof an. Dies ist eine der wenigen Möglichkeiten, die sich für unsere Freilassung bieten. Und da Herr Pfarrer als Tscheche gilt, wird sein Gesuch ernst genommen.


Herr Pfarrer hat Erfolg. Am 28. September 1945 werden wir aus der Haft entlassen. Gleichzeitig mit uns – wir geben den Anstoß – kommt eine Gruppe weiterer Bennischer frei. Der deutsche Arzt kann Muttl für die Heimreise ein fiebersenkendes Mittel geben. Sonst hätte sie die Fahrt wohl kaum überstanden. Nur schwach kann ich mich an die Zugfahrt erinnern. Wir stehen im Vorraum des Waggons, denn den Deutschen ist es verboten, ein Abteil zu betreten. Auch die Fahrt selbst war nur durch eine Sondergenehmigung möglich geworden.

Wir erreichen Klein Mohrau mit unserem Handwagen und dem ganzen Gepäck. Unmöglich ist es für die entkräftete Muttl oder uns Kindern, den Wagen fast 5 Kilometer nach Mohrau zu ziehen. So verhandelt Muttl mit einem deutschen Eisenbahner und wir dürfen den Wagen in Bahnhofsnähe unterstellen.

Muttl muss alle Willenskräfte gesammelt haben für diesen Fußmarsch zum Pfarrhof. Sie hält Viktors Hand. Aber später hat sie uns gesagt, nicht sie hätte Viktor, sondern der hätte sie geführt. Und dennoch achtet sie auf die Umgebung. „Schaut die schönen roten Büsche“, sagt sie zu uns auf dem Weg. Da stehen erste Sträucher mit rot leuchtendem Laub. Die Herbstverfärbung hat begonnen. Es ist Herbst geworden.

„Wenn ich nicht weiter könnte, Ursula und Adelheid, was würdet ihr tun“? „Wir würden schnell in die Pfarrei laufen und Tante Rosi und Herrn Pfarrer um Hilfe holen“. „Nein, ihr dürft nicht so weit laufen. Schon im ersten Haus von Mohrau müsstet ihr um Hilfe bitten“. Ach, das ist mir unheimlich. Zu fremden Leuten will ich nicht gerne. Und ich hoffe so sehr, dass Muttl nicht stehen bleibt. Wirklich, wir kommen nach Mohrau. Die Pfarrei liegt vor uns. Muttl schleppt sich die letzte Wegstrecke. Endlich im Haus, im Vorhaus! Wir klopfen an die Tür zur Großen Küche. „Herein“. Wir treten ein. Und ein einziger Aufschrei gellt durch den Raum.

Herr Pfarrer schildert später in seinen Lebenserinnerungen unsere Ankunft folgendermaßen:

„…Wir haben lange nicht gewusst, wo Frau Killian und die Kinder hingekommen sind. Frl. Rosa hat sich da und dort erkundigt, ob sie die Familie nicht ausfindig machen könnte. Eines Tages bekamen wir einen Brief, der war von Frau Killian. Und sie beschwor uns, sie aus dem Lager zu retten. Jetzt unternahmen wir beim Polizeiobersten einen Versuch und stellten einen Antrag. Wir brauchen für die Landwirtschaft Arbeitskräfte und wir möchten dafür die Frau Killian. Und dieses Gesuch hat Erfolg gehabt. Eines Abends im Spätherbst klopfte es an die Tür. Und als wir „Herein“ sagten, ging die Tür auf und es traten Gestalten herein, die so aussahen, dass wir einen Schrei ausstoßen mussten. Es war die halbtote Frau Killian. Wie der Tod kam sie herein, wie ein Skelett. Und die Kinder, die Kinder waren abgemagert bis auf die Knochen. Wenn ich bedenke, in welchem Zustand Frau Killian und ihre Kinder nach Mohrau kamen, das war erschütternd. Sie waren halb tot. Man musste mit allen tiefstes Mitleid haben. Sie kehrte aber nur mit drei jüngeren Kindern zurück. Die älteren hatten die Tschechen verschleppt. Wir wussten damals noch nicht, wohin. Erst viel später konnten auch die beiden großen Kinder zurück geholt werden….“

Tante Rosi ist gerade beim Bügeln. Viel später – in Bayern – erzählt sie mir, sie habe geglaubt, den leibhaftigen Tod vor sich zu sehen, als Muttl eintrat. Muttl ist zum Skelett abgemagert. Bei einer Größe von 1,70 Meter wiegt sie 38 Kg. Nicht ganz so schlimm ist es bei uns Kindern mit dem Untergewicht: Adelheid und ich wiegen 21, Viktor 16 kg.

„Wir sind völlig verlaust“. Dies ist eines der ersten Worte von Muttl. Dass wir die Kleider gewechselt, uns wuschen oder gegessen haben, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur dass wir alle im oberen Stockwerk Betten bekommen. Ach, endlich wieder ein frisches Bett. Und Platz! Platz genug zum Wenden und Einrollen! In der Nacht bekommt Muttl einen so starken Schüttelfrost und es geht ihr so schlecht, dass man um ihr Leben fürchtet. Sie selbst sagt später, dass sie eine zweite derartige Nacht nicht überstanden hätte. Tagelang hängt ihr Leben an einem seidenen Faden. Doch allmählich erholt sie sich wieder. Einen Herzschaden hat sie allerdings als Folge ihrer Erkrankung lebenslänglich behalten.

Fortsetzung folgt

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