Fortsetzung: Vertrieben (41)

30.09.1945 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Nun haben wir endlich wieder genug zu essen. Ich esse, dass ich glaube, platzen zu müssen. Doch eigenartigerweise: das Hungergefühl vergeht nicht. Immer glaube ich, Hunger zu haben, soviel ich auch esse. In einer der ersten Nächte nach unserer Rückkehr erwache ich nachts. Weshalb ist es so feucht in dem Bett? Und was poltert draußen im Vorhaus?

Wir haben Durchfall bekommen. Durchfall wie Wasser. Unser Darm verträgt normale Nahrung nicht mehr. Adelheid wollte hinaus auf die Toilette, ist dort zusammen gebrochen und auf den Boden geschlagen. Tante Rosi springt aus dem Bett und trägt Adelheid herein. Sie kann kaum noch gehen, sie hat es am schlimmsten erwischt. Nun muss nicht nur Muttl, auch wir drei Kinder müssen das Bett hüten.

Die verlauste Kleidung ist gekocht oder verbrannt worden. Doch da sind die Puppensachen aus Stefanau. Das selbstgebastelte Puppenhaus hatten wir Benno zum Abschied geschenkt. Aber die selbstgenähte Puppe mit ihren Kleidern und anderen Puppensachen haben wir mitgenommen. Das soll nun alles verbrannt werden, denn auch darin könnten sich Läuse halten. Ich muss mit ansehen, wie meine liebe Puppe ins Feuer geworfen wird. Und ich glaube, mein Herz müsse mir brechen. Ich weine und weine, bin völlig untröstlich und kein Zureden von Fräulein Anita erreicht mich. Hätten die Erwachsenen dies nicht geschickter anstellen können? Nicht vor unseren Augen die Sachen verbrennen? Auch wenn mir Fräulein Anita erzählt, wie im Bombenhagel Kindern in den Flammen alles verloren ging, ist das für mich überhaupt kein Trost. Nur die kleine Puppensteppdecke hat man uns gelassen. Ich habe sie selbst mit ganz heißem Bügeleisen gebügelt, damit auch jedes Lausei abgetötet würde. (Später habe ich mir aus Strümpfen eine neue Puppe, eine Jungenpuppe, genäht und sie „Clemens“ genannt.)

Geradezu mit Empörung sehe ich, wie Peter, der Kater, reichlich Milch und Brot zum Fressen bekommt. Sein Napf steht in der Höhlung unter dem Ofenturm, wo das Holz trocknet, und geschickt holt sich Peter mit seiner Pfote das Brot aus der Milch. Am liebsten hätte ich dieses selber gegessen, denn, wie ich schon sagte, trotz reichlichen Essens habe ich dennoch unterschwellig immerfort Hunger. Der lässt sich Wochen und Wochen einfach nicht stillen. Wie kann ein Tier so gute, herrliche Dinge tagtäglich bekommen, während wir im Lager fast verhungert wären? Wie eine Sünde kommt mir das vor und ich kann nicht verstehen, dass uns die Mohrauer niemals auch nur das Geringste ins Lager geschickt haben. (Ich habe Tante Rosi einmal daraufhin angesprochen. Doch sie bleibt unklar mit ihrer Antwort und redet sich heraus. Sie scheint sich keine Gedanken gemacht zu haben und es scheint ihr nicht bewusst gewesen zu sein, wie schlecht es uns im Lager erging.)

Allmählich leben wir uns auf dem Pfarrhof ein. Viktors Haare wachsen nach und sein Sträflingsaussehen, das die Mohrauer entgeistert zur Kenntnis nahmen, verliert sich. Mit der Zeit erholt sich Muttl. Sie kann wieder aufstehen und kleine Ausflüge mit uns machen. Wir sind mit ihr auf der Höhe des Wildgruber Berges. Unter dem blauen Himmel glitzert es auf, wieder und wieder. Blitzende silberne Fäden schweben einher. Altweiberfäden, viele Altweiberfäden. Wir Kinder rennen nach ihnen, wollen sie fangen. Niemals später habe ich wieder so viele gesehen.

Unter uns liegt Mohrau. Jenseits der Höhe erkennt man die letzten Häuser von Ober Wildgrub. Wie langgestreckt unser Mohrau doch ist! Die Häuser folgen talwärts dem Dorfbach, der nahe vom Pfarrhof in die Mohra mündet. In der Ferne, vor dem Gebirgswald, erkennt man Neudorf und darüber erhebt sich eindrucksvoll unser Gebirge. Mit seinen vielen, oft sehr alten Laubbäumen rings um die Häuser ist Mohrau wie in einem Hain eingebettet. Kahl und fast baumfrei liegt dagegen die angrenzende Feldflur. Rauch steigt aus den Schornsteinen. „Seht Kinder, wie schön“, sagt Muttl und weckt dadurch unser bewusstes Hinschauen und bewirkt, dass dieser Ausblick im Gedächnis bewahrt bleibt.

Fortsetzung folgt

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