Fortsetzung: Vertrieben (47)

25.02.1946 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Unfassbar! Und doch muss man sich dieser grausamen Tatsache stellen und sich darauf vorbereiten. Muttl hat Stoffe nach Mohrau gebracht. Sie lässt bei der Bernt Hermi, unserer Schneiderin, wie schon vor Weihnachten Mäntel und weitere Kleider nähen, mehrere für uns Kinder und groß genug zum „Hinein wachsen“. Auch jetzt müssen Adelheid und ich oft ins Oberdorf zur Anprobe, vorbei an den schlagenden Tschechenkindern. Jetzt sehen wir die Bernt Gisa oft.


Eine große Sorge lastet auf Muttl. Roswitha und Gottfried sind immer noch in der Hanna bei tschechischen Bauern. Würden sie wieder bei uns sein am Tag der Vertreibung? Ein Teil unserer Dokumente wie etwa die Taufscheine sind in den vergangenen Wirren verloren gegangen. Mit Hilfe von Herrn Pfarrer bemüht sich Muttl um einen Ersatz. Tatsächlich erhalten wir die erbetenen Scheine, doch nur in tschechischer Sprache. Sogar unsere Namen sind, soweit das geht, entgegen den amtlichen Eintragungen tschechifiziert worden (eigentlich Urkundenfälschung). Nach meinem neuen Taufschein soll ich beispielsweise mit meinem dritten Vornamen nicht mehr Franziska sondern Frantiska heißen.

Muttl bittet die Gendarmen darum, dass unsere Familie zusammen mit Herrn Pfarrer und Tante Rosi ausgesiedelt wird. Wiederum allein und ohne Stütze mit den Kindern ins Ungewisse gehen zu müssen, ist eine furchtbare Vorstellung für sie. Und die Gendarmen sagen dies zu (um später das Versprechen zu brechen).

Wochenlang bleibt im Januar und Februar nachts der Himmel sternenklar, tagsüber ist herrlich sonniges Wetter. Die Kälte nimmt zu. Viele Tage und Wochen herrschen Kältegrade unter -20°C. Der Schnee knirscht beim Gehen. An den Türklinken „kleben“ die bloßen Hände. Durch die täglich starke Sonneneinstrahlung und gleichzeitig großer Kälte kommt es zur Verfirnung der Schneedecke. Sie wird so fest, dass man mit dem Absatz auch mit Kraft kein Loch hinein schlagen kann. Adelheid und ich probieren das oft.

Lautes Schreien ertönt aus dem Hof, wo sich Viktor beim Spielen aufhält. Weinend und mit stark blutendem Mund kommt er in die Pfarrküche gelaufen. Was ist geschehen? Neugierig, wie Viktor ist, hat er an der Türklinke geleckt. Augenblicklich ist die Zunge angefroren. Und als Viktor sie mit Gewalt zurück ziehen will, reißt ein großes Stück Haut ab, das jetzt an der Klinke klebt. Längere Zeit kann Viktor nicht mehr normal essen.

Die Pumpe an unserem Hausbrunnen am Rand des Pfarreigartens, der uns das Wasser liefert, friert ein. Herrn Pfarrer kostet es große Mühe, sie wieder zum Laufen zu bringen. Die Feldflur oberhalb des Pfarrhofes ist eine einzige, sich abwärts senkende Schneefläche. Unebenheiten sind verweht worden und der verfirnte Schnee ist so hart, dass man darauf wie auf einem Fußboden geht. Es ist die herrlichste Schlittenbahn, die man sich denken kann. Kilometerweit kann man fahren, zuletzt steil bis zum Dorfbach. Wie sind wir da Schlitten gefahren, Adelheid und ich! Das ist etwas anderes als die kleine Schlittenbahn in Bennisch am Hutberg im vergangenen Jahr. Wir bauen eine Sprungschanze, an der es mich einmal bös schleudert. Wenn man nach Hause kommt, sieht man zuerst nichts, denn die Augen sind auf das gleißende Licht über dem Schnee eingestellt. Und die trotz Handschuhe kalt gewordenen Hände schmerzen heftig beim Warmwerden.

In einem „Büschl“ (Wäldchen) weit draußen im Feld entdecken wir ein Häuschen, einen Verschlag. Hochinteressant! „Da liegt ja auch Stroh! Wozu diente das Häuschen? Wir könnten es ausbauen und darin wohnen. Und – weit weg vom Dorf – sicher sein gegen die Russen“. Adelheid und ich lassen unsere Phantasie spielen. Später erfahren wir, dass ein Bauer hier sein Pferd vor den Russen versteckt hat.

Fortsetzung folgt

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