Fortsetzung: Vertrieben (49)

14.03.1946 00:00

Fortsetzung: Vertrieben (49)

(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Roswithas Geschichte


Am 17. Juli 1945 muss sich die Familie mit etwa 700 weiteren Bennischern, in der Mehrzahl Frauen und Kinder (die Männer waren aus dem Krieg noch nicht heimgekehrt) abends am Marktplatz einfinden und wird gefangen gesetzt. Unter schwerer Bewachung geht es am nächsten Tag zu Fuß in die etwa 15 Kilometer entfernte Kreisstadt Freudenthal und am Tag darauf mit dem Zug in offenen Güterwagen nach Olmütz/Hodulein. In Olmütz werden die Familien auseinander gerissen. Die Arbeitsfähigen ab etwa 12 Jahren, darunter Roswitha, noch nicht ganz 17 Jahre alt, und der 13-jährige Gottfried, werden nach Prerau gebracht und dort mit Bajonetten und Peitschen in das völlig verwanzte Gefängnis gejagt.

Am anderen Tag suchen sich Bauern unter den Gefangenen Arbeitskräfte für ihren Hof aus. Roswitha kommt nach Domazelice, einem Dorf östlich von Prerau, zu den Bauern Zlamalik, der dort einen der größten Höfe bewirtschaftet. In der Folge hat sich der Bauer zu Roswitha kühl aber korrekt verhalten. Die junge Bäuerin aber macht kein Hehl daraus, dass sie die Deutschen verabscheut. Einmal schlägt sie Roswitha grundlos. Roswitha ist so empört, dass sie sich bei der örtlichen Polizei beschwert. Wie sie den Mut dazu aufgebracht hat, da doch alle Deutschen verfemt und vogelfrei sind, das hat sie später selbst kaum nachvollziehen können. Die Zamaliks haben daraufhin erwogen, Roswitha an die Russen zur Zwangsarbeit nach Sibirien auszuliefern. Und nur, weil sie sich entschuldigt und vielleicht auch, weil man sie als eingearbeitete anstellige Arbeitskraft ungern verlieren will, sieht man von dem Plan ab.

Wo ihre Angehörigen verblieben sind, weiß Roswitha wochenlang nicht und hat es schließlich erst über Umwege erfahren. Roswitha ist für den Kuhstall mit mindestens zehn Kühen und vielen Kälbern zuständig und muss tagtäglich melken und ausmisten. Tagsüber geht es zur Arbeit hinaus auf die Felder. Ihre Schlafstelle befindet sich in einer Art Futterkammer, wo sie das Bett mit einer weiteren Gefangenen teilen muss. Ein offener Mauerdurchbruch, der im Winter mit Heu oder Stroh zugestopft wird, dient als Fenster. Aber sie muss nicht hungern am Bauernhof.

Sie besitzt nur das, was sie am Leib trägt und hat keine Kleidung zum Wechseln. So geht sie bei schönem Wetter am Sonntag, wenn sie nachmittags etwas Freizeit hat, zum Bach und wäscht dort ihre Unterwäsche, lässt sie im Wind trocknen und zieht sie gleich wieder an. Immer muss sie barfuß gehen. Bald beginnen ihre Füße, die an Barfußgehen nicht gewöhnt sind, zu bluten an und sind schließlich eine einzige blutige Wunde. Roswitha wird krank. Sie hat rasende Kopfschmerzen, als sie der Bauer auf ein riesiges Mohnfeld bringt, das sie bis zum Abend allein abernten soll. Die Kopfschmerzen werden schlimmer und schlimmer, erfassen den ganzen Körper. Alles verschwimmt ihr vor den Augen und dann weiß sie nichts mehr von sich. Am Abend findet sie der Bauer bewusstlos am Boden liegen.

Im Krankenhaus wird eine Gehirnhautentzündung festgestellt. Penicillin oder andere Antibiotika werden ihr als Deutsche verweigert. Das bekommen nur Tschechen, sagt man ihr. Doch sie wird wieder gesund und kommt zurück zu den Zlamaliks nach Domazelice. Die Krankheit hat Folgen für Roswitha: Sie hat ihr Gedächnis weitgehend verloren und erst im Laufe von Monaten kehrt es allmählich wieder zurück.

Wegen der bevorstehenden Ausweisung der Deutschen müssen im Spätwinter 1946 die Zlamaliks Roswitha freigeben. Nach Bennisch kann sie nicht zurück gehen. Die dortige Wohnung ist beschlagnahmt worden und die Killians haben alles verloren. So hat der Herr Pfarrer auch sie wieder aufgenommen.

Fortsetzung folgt

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