Fortsetzung: Vertrieben (50)

15.03.1946 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Auch für Roswitha werden nun Kleider genäht und sie muss in die Schneiderwerkstatt zur Bernt Hermi ins Oberdorf. Trotz strengstem Verbot durch die Tschechen übernachtet sie manchmal auswärts bei den befreundeten Bernts. Dort geht Geheimnisvolles vor sich. Mehrere versammeln sich dort am Abend zum „Tischerücken“. Die Leute möchten so gerne etwas von den verschollenen Männern oder über das eigene Schicksal erfahren. Doch dies muss geheim bleiben. Auf gar keinen Fall darf davon Herr Pfarrer Kenntnis erhalten, denn die Kirche hat solche Praktiken strengstens verboten.


Weil die Aussiedlung bevor steht, müssen alle deutschen Zwangsarbeiter freigegeben und zu ihren Angehörigen zurück geschickt werden. So kehrt ein paar Wochen später auch Gottfried zurück. Er erzählt begeistert von seinem Aufenthalt auf dem tschechischen Bauernhof. Dort hat er etwas geleistet. Dort war man zufrieden mit ihm und hat ihn, anders als im Gymnasium, für seine Arbeit gelobt. Niemals wieder will er an die Schule zurück gehen.

Jetzt muss man sich intensiv auf den Weggang vorbereiten. 50 Kilogramm an Gepäck und 1000 Reichsmark darf jede Person zur Aussiedlung mitnehmen. Muttl packt und sucht die Sachen zusammen. Was soll sie mitnehmen, was ist lebensnotwendig für uns? Der Gedanke, Koffer als Gepäcksstücke zu benutzen, wird schnell verworfen. Sie sind nichts Wichtiges, kosten aber Gewicht. Viel sinnvoller ist, unser Gepäck in Betttücher oder Decken zu verschnüren. Wertsachen, auch Stoffe, dürfen nicht mitgenommen werden. Muttl ersinnt einen Ausweg. Sie lässt unsere Stoffe, möglichst wenig zerschnitten, vernähen z.B. zu Decken. Dies werden die Tschechen, so hoffen wir, durchgehen lassen. Andere werden zu Kleidern verarbeitet. Adelheid und ich helfen nun täglich beim Nähen. So müssen wir Knöpfe und Druckknöpfe annähen, Fäden vernähen und Rockenden heften und säumen. All diese Fertigkeiten habe ich damals gelernt. Mit rotem und blauen Stickgarn markieren wir tagelang unsere Taschentücher. Wir umsticken die Anfangsbuchstaben der jeweiligen Namen mit der anderen Farbe in verschiedenen Formen, zum Beispiel in Herz- oder in Kreisform. Denn wozu haben wir im Handarbeitsunterricht in der Schule „Stielstich“ gelernt? Hübsch sehen die Taschentücher mit ihren zweifarbigen Monogrammen aus.

Unter strengster Strafe ist es verboten, bei der Aussiedlung heimlich Schmuck mitzuführen. Alle Wertsachen müssen eigens verpackt und besonders gekennzeichnet werden. Da haben es dann die Tschechen sehr leicht, sie den Deutschen abzunehmen. Sehr viel Schmuck besitzt unsere Familie nicht, doch die vorhandenen Wertsachen sind uns lieb und teuer. Und sie würden auch für die Zukunft eine gewisse Sicherheit bieten. Soll man riskieren, sie hinaus zu schmuggeln? Muttl und Roswitha haben eine Idee: Roswitha stellt viele Tage lang Puppen her und näht den Schmuck und Muttls wertvolle Münzsammlung darin ein. Auch Adelheids und mein Schmuck ist dabei, hellgelber Bernsteinschmuck, an dem wir sehr hängen. Ohrringe und Halskette mit „Herzln“ als Anhänger. (Diese hübschen Sachen sind Mitbringsel von Mama aus ihrem Ostseeurlaub, den sie 1938 zusammen mit Roswitha und Gottfried auf der Insel Wollin verbracht hat. Außerdem haben wir Kinderuhren mit rotem Korallenuhrband, die wir unglaublich schön finden.) In den Puppen werden die Tschechen Schmuck doch wohl nicht vermuten.

Aber schließlich hat Muttl den Plan doch noch fallen gelassen. Die Puppen sind auffällig schwer, das Risiko ist zu hoch. Sogar die Todesstrafe würde uns drohen. Es bleibt keine Zeit mehr, um alles wieder aufzutrennen und die Münzen und den Schmuck wieder heraus zu holen. In vorgerückter Nacht, als die Gendarmen fest schlafen, schleichen Tante Rosi und Fräulein Anita heimlich in die Pfarrscheune. Die Tenne dort liegt hohl über gewachsenem Erdboden. Dort vergraben beide den Schmuck und die Münzen in einem verschlossenen Weckglas tief in der Erde. (Fast niemand glaubt zu dieser Zeit, die Heimat für immer verlassen zu müssen. Dann könnte man das Versteckte sich wieder holen und an sich nehmen. Möglicherweise liegt unser „Schatz“ heute immer noch dort, doch unzugänglich für Sucher. Die Pfarreischeune ist allmählich verfallen und schließlich zusammen gebrochen und heute steht auf dieser Fläche der Wohntrakt eines Altenheimes, wofür das ehemalige Pfarrhaus gegenwärtig genutzt wird.)

Fortsetzung folgt

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