Fortsetzung: Vertrieben (54)

23.04.1946 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)


Furth im Walde heißt unser Grenzort auf deutscher Seite. Aussteigen, Verpflegung (Suppe), Registrierung, vorsorgliche Entlausung (Zum ersten Mal lerne ich DDT-Pulver kennen), Toilettengang. An den primitiven Toiletten sind die Wände über und über beschmiert und beschriftet mit Nachrichten jeglicher Art. Ich lese mit Interesse. Meist wird nach Angehörigen gesucht oder ihnen einen Nachricht hinterlassen. „Liebes Annerl, komme bald“, lese ich beispielsweise. Aber ich sehe auch Folgendes: „ SS ging vorüber, SS ging vorbei, SS kehrt wieder, Deutschland wird frei“. Dass hier sowas stehen darf? In der Tschechei hätten derartige Zeilen das Schlimmste nicht nur für den Schreiber sondern für alle Deutsche bedeutet. Hier ist wahrhaftig eine andere Welt.

Wir erfahren unseren Zielort. Nach Gießen in Hessen soll unser Transport gebracht werden. Ganz fremde Namen sind das für mich. Aber ich finde, dass sie gut klingen. Unsere Leute wären am liebsten nach Bayern gekommen. Das ist ihnen ein vertrauter Begriff. Dort sind die Menschen katholisch und dort gibt es Berge wie in unserer Heimat. „Ab Rosenheim sieht man das Gebirge“, so heißt es bei uns. Dass damit nicht unser Altvatergebirge sondern die Alpen gemeint sind, begreife ich erst viel später.

Wir erreichen Nürnberg. Der Zug hält am Bahnhof und wir können aussteigen. Was wir aber vom Bahnhof aus sehen, verschlägt uns den Atem. Fassungslos sehen wir erstmals eine völlig zerstörte Stadt. Ruinen, wohin man blickt, Ruinen, nichts als Ruinen.

In Deutschland sind die Wagentüren nicht mehr verschlossen. Unsere Leute schieben sie auf und so können wir gut die vorbeigleitende Landschaft betrachten. Ein Ort namens Puschendorf ist in meinem Gedächtnis haften geblieben, denn hier bemerkt die alte Frau Hauptmann: „Ganz richtig, der Name stimmt gut. Hier gibt es ja viele Puschen“ (Büsche). Herr Bayer lehnt sich zu weit aus der Wagentür und der Fahrtwind reisst ihm die Mütze vom Kopf. Große Aufregung, denn das ist damals ein großer Verlust. Es gibt ja nichts Neues zu kaufen. (Herr Bayer hat aber die Mütze durch die Bahn wieder bekommen.)

Und nun durchfährt unser Zug die mir aus Erzählungen wohlvertraute Stadt Würzburg. In Würzburg hat nämlich unsere Tante Muz (Mamas Schwester) mit ihrer Familie einige Jahre gelebt. Und wieder sehe ich fassungslos eine tote, völlig zerstörte Stadt. Ich schaue und schaue, erblicke nichts als Ruinen. Erst am Stadtrand kann ich einige heil gebliebene Häuser erkennen. Der schöne blaue Fluss hier das ist der Main. Ich bin begeistert, denn einen so großen Fluss habe ich bisher noch nicht gesehen. Doch auch im Main sieht man Kriegsspuren: Zahlreiche zerstörte Schiffe liegen im Wasser.

Die Landschaft wird immer schöner. Auf der einen Seite der Main, auf der anderen Seite aber steigen Weinberge an. Dazwischen felsige Steinhänge. Noch nie sah ich Weinberge. Wo ist es schöner zu schauen? Ich pendle von einer Seite zur anderen. Gerade blicke ich zur Flussseite hin. „Ursula, Ursula, komm schnell, komm, komm! Ein Edelweiß, ein Edelweiß oben am Hang“! Adelheid ruft mich ganz aufgeregt auf die andere Seite. Zu spät. Als ich mich umwende, ist das Edelweiß schon verschwunden. Ach, wie leid mir das tut! Und Adelheid schwärmt mir noch immer vor, wie wunderbar dieses Edelweiß oben auf der Hangkante stand. (Als wir viele Jahre später zum ersten Mal auf dieser Bahnstrecke zu unseren österreichischen Verwandten nach Wels fahren, halten wir vor Würzburg Ausschau nach dem Edelweiß. Und tatsächlich, wir sehen es und es steht auch heute noch dort an der Stelle als Abzeichen einer Kletterschule.)

Jetzt geht es durch Bergland mit lieblichen Wiesentälern (der Spessart). Die Waldberge leuchten so hell, so leuchtend lichtgrün schimmern die Kuppen. Es ist Ende April und wir sehen die erste zartgrüne Frühlingsbelaubung. Ach, wie bin ich entzückt! Das kenne ich nicht. Bei uns zu Hause gab es nur dunkle Fichtenbestände.

Fortsetzung folgt

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