Fortsetzung: Vertrieben (55)

24.04.1946 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)
Es ist schon dunkel, als unser Zug am 24. April 1946 Gießen erreicht. Was würde nun kommen? Das erste, was wir am Zielort hören, ist eine Männerstimme: „Alle in de Wage drinbleibe, alle in de Wage drinbleibe“! „Merkt euch das Wort“, sagt Muttl, „es ist das erste Wort, das wir in unserer neuen Heimat vernommen haben“. Mit unserem Gepäck bringt man uns in das bahnhofsnahe ehemalige Hotel Lenz. Registrierung, vorsorgliche Entlausung, Übernachten in Stockbetten. All das kennen wir schon. Doch man kann hier auch baden. Begeistert nimmt Muttl diese Gelegenheit wahr. Man darf in die Stadt gehen. Einige unserer Leute entdecken die katholische Gießener Kirche, die nicht weit entfernt liegt und besuchen, fromm wie sie sind, am 1. Mai eine Maiandacht. Adelheid und ich entdecken ein Haus, das interessant kellerartig tief in die Erde gebaut ist. Die Straße ist zugleich Dach dieses Hauses. Dort sitzt eine Frau, näht Puppen und bietet sie zum Kauf an.

So viel ist hier neuartig! Die Kirche ist keine Barockkirche, wie nahezu alle Kirchen bei uns zu Hause. Und die Leute sprechen so „anders“. Der katholische Pfarrer – der beleibte joviale Pfarrer Deuster – kümmert sich um die Ankömmlinge. Für die Kinder wird ein Kindernachmittag mit Kasperletheater organisiert. Wir sitzen im Freien, denn das Wetter ist schön. Doch seltsam: bei all den Kasperlespäßen will kein Kind von uns lachen. Stumm sitzen alle nur da. Zu tief ist die verbliebene Angst und unsere große Verstörung, als dass wir über Derartiges unbeschwert lachen könnten. Zwar bemüht sich der Pfarrer angestrengt krampfhaft, doch es bleibt still. Als ein Krokodil im Kasperlespiel auftaucht, ertönt in der Stille plötzlich klägliches Weinen (von einem der kleineren Kinder). Auch als Pfarrer Deuster uns „Amibonbons“ verspricht, hellt das Stimmung nicht auf. „Was sind Amis? Was sind Bonbons“? Komisch unverständliche Worte für uns (Wir sprechen von „Zuckerlen“).

In den nächsten Tagen wird unser Transport auf verschiedene Dörfer im Landkreis verteilt. Die Mohrauer werden auseinander gerissen. Die Menschen aus unserem Wagen Nr. 7 (zusätzlich einige aus Groß Stohl und aus Troppau) verschlägt es in das Dorf Kesselbach im Lumdatal.

Ein offener Lastwagen holt uns mit unserem Gepäck ab. Auf der vollkommen leeren Autobahn fahren wir bis vor Geilshausen und dann auf die Landstraße. Die Dörfer, durch die wir kommen, gefallen uns nicht. So eng sind die Häuser zusammengebaut, kein Grün ist zwischen den Häusern, kaum Bäume und Grasland. Unfreundlich und schmutzig wirkt das auf uns, die wir an die weiträumig lichten Waldhufendörfer gewöhnt sind. Da kommt wieder ein Dorf. Da ist der Bahnhof. Da steht „Kesselbach“ dran (und darunter „Räder müssen rollen für den Sieg“!!). Wir sind angekommen.

An der Hauptstraße vor der Metzgerei Höchst lädt man uns aus. Es ist der 2. Mai, Donnerstag. Da sitzen wir nun, ein armseliges Häuflein mit seinen Bündeln am Straßenrand. Leute kommen vorbei und begutachten uns. Wer ist ohne Anhang und könnte als Arbeitskraft nützlich sein? Einige wenige Alleinstehende nehmen die Bauern mit, doch kinderreiche Familien, wie wir eine sind, die will niemand aufnehmen.

Schließlich erscheint ein schlanker älterer Herr, der uns in einer angenehmen Weise bittet, mit ihm zu kommen. Er ist Lehrer Schmidt, der ehemalige Schulleiter von Kesselbach. Er führt uns zur Schule. Im unteren Schulsaal bauen Männer Stockbetten zusammen. Einer von ihnen sagt spöttisch: „Nun seid ihr, wohin ihr wolltet, daheim im Reich“. Verhöhnung der Opfer. Muttl ist sehr erbittert. Wiederum kommen Bauern und suchen Arbeitskräfte unter uns Ankömmlingen. Da geht Roswitha zu Hillgärtners und Gottfried als Knecht zu den Faulstichs. „Geht mit zu den Bauern“, hat Muttl geraten, „dort habt ihr zumindest zu essen“. Wir aber, Muttl, Viktor, Adelheid und ich, bleiben mit den meisten anderen Mohrauern im Massenquartier des unteren Schulsaals bis zum September desselben Jahres.

Nachwort

Roswitha hat ein klares Ziel. Sie will nicht Magd bleiben. Sie will wieder zur Schule und Abitur machen. Zahlreiche Bitt- und Behördengänge nach Gießen und Grünberg bleiben zunächst ohne Ergebnis. Die überfüllten Schulen wollen keine Vertriebenen haben. Schließlich erklärt sich die Ricarda-Huch-Schule in Gießen bereit, Roswitha für ein halbes Jahr probeweise aufzunehmen. Fast zwei Jahre hat Roswitha keine Schule mehr besucht und der Mut will ihr sinken, als sie feststellen muss, wie viel mehr als sie die Mädchen in ihrer neuen Klasse wissen. Doch mit eisernem Fleiß füllt sie ihre Wissenslücken und nach einem halben Jahr spricht niemand mehr von einem nur probeweise Verbleib an der Schule.

Als Roswitha am 9. Juni 1948 auf der Rückfahrt von der Schule in Kesselbach aus dem Zug steigt, macht man sie auf einen Mann, der ebenfalls aussteigt, aufmerksam. Sie traut ihren Augen nicht: Es ist der Vater, der aus sibirischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Niemand in der Familie hat von seiner Entlassung gewusst. Das war eine Freude! Noch im selben Jahr findet Vater eine Anstellung als Lehrer im nahegelegenen Allendorf. Das Elenddasein der Familie, die von Fürsorgeunterstützung gelebt hat, findet nun ein Ende.

Die Bergstadt Bennisch ist ausgelöscht

In insgesamt zwölf Aussiedlertransporten werden die 3.500 deutschen Bewohner nach Hessen, Bayern, Österreich und Baden-Württemberg vertrieben. 20 dürfen bleiben und werden geduldet. 89 Bennischer finden im Zuge des tschechischen Terrors 1945/46 den Tod, 35 Bürger begehen Selbstmord, 19 kommen im Gefängnis oder als Zwangsarbeiter zu Tode, 18 werden erschossen, erschlagen oder vergiftet, 9 sterben in Folge von Vergewaltigung und Schändung, 4 gelten als vermisst, 3 werden verschleppt und sind verschollen und eine Bewohnerin verunglückt auf der Flucht.

 

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