Fortsetzung: Vertrieben (7)

20.11.1944 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Es ist ein ausnehmend schöner Herbst, jener im Jahr 1944. Lange bleibt es sonnig und warm. Mit Muttl gehen wir jüngere Kinder nach Seitendorf (dort wo Mama Lehrerin war und wo oberhalb des Dorfes auf dem Franzberg die Windmühle steht). Der Lehrer hat Muttl angeboten, Zwetschken zu pflücken und sie nimmt dieses Angebot gerne an. Zwar haben wir im Schulgarten der Bennischer Bürgerschule, den Papa betreut und nutzt, reichlich Obst und Gemüse, aber keinen Zwetschkenbaum.


Endlich schneit es zum ersten Mal. Wir sitzen im Klassenzimmer und sind hell begeistert. Wird der Schnee liegen bleiben? „Es könnte sein“, meint die Lehrerin. Mit Freude hören wir bald das Klingeln der Pferdeschlitten. Privatautos gibt es nicht mehr. Nur Militärautos sieht man gelegentlich und die fahren oft nur mit Holzvergaser. Gelegentlich dürfen wir Kinder zu den Soldaten in solch ein Militärauto am Ringplatz klettern. Das ist hochinteressant. Mich beeindruckt unter anderem die pechschwarze dickliche Flüssigkeit, die manchmal abgelassen wird und sich auf der Straße verteilt (Teer).

Bennisch ist Lazarettstadt geworden und voller Soldaten. Mit einem (oder einigen) von ihnen freunden sich die Kinder unserer Klasse an. Wenn er vorbei kommt (der Weg vom Lazarett in der Bürger- oder der Webschule zum Ringplatz führt über den Schulhof), rennen wir hin, hängen uns an den lustigen, jungen Mann, machen Spaß mit ihm und freuen uns. Interessant sind die vielen Soldaten besonders für die jungen Mädchen der Stadt. Es entstehen zahlreiche Liebschaften und die Scheitbauer Heide, unser Dienstmädchen, mit der Adelheid und ich uns gut verstehen, macht da keine Ausnehme. Anschaulich berichtet sie uns von ihren Eroberungen. Ihr erster hieß Erich Wanke. Aber der ist ihr untreu geworden. Sie hat ihn beim Küssen mit einem anderen Mädchen erwischt. Da hat sie ihm den Verlobungsring vor die Füße geworfen. Schon sein Name sei ein Omen gewesen, denn er sei ja wankend geworden in seiner Treue. Beeindruckt lauschen Adelheid und ich. Doch bald hat Heide einen neuen Liebsten, den Hubert Eckard aus Leipzig. Er hat eine Kopfverletzung und Heide nennt ihn den „Kopfschussleipzig“. Ob die Liebe so groß ist, wenn sie so respektlos von ihm redet? Doch sie hat ihn geheiratet und ist zu ihm nach Leipzig gezogen, wo sie heute noch lebt. Heide bleibt unserer Familie treu bis zuletzt (Als wir im März/April 1945 aus Bennisch flüchten, begleitet sie uns freiwillig bis an den Rand des Bennischer Waldes. Niemals habe ich unsere Heide wieder gesehen, aber ich stehe immer noch im Briefwechsel mit ihr).

Im Herbst kehrt Papa vom Schanzen zurück. Seinen 46. Geburtstag kann er im Kreise seiner Familie feiern und es existieren sogar noch Fotos von diesem Tag. Bald soll es zu einem Nachtreffen der Bennischer Schanzleute kommen. Papa will ein Gedicht verfassen. Verzweifelt sucht er ein Reimwort für „Bennisch“. Da kommt ihm die Erleuchtung: In der Mundart heißt Bennisch „Bennsch“ und darauf reimt sich „Mensch“. Und so heißt es in Papas Gedicht als Kehrreim: „Und da ging es, ach oh Mensch, immer wieder rund um Bennsch“. Papa ist sehr stolz auf seine Erfindung.

In einem Aufruf wird allen Männern und Jugendlichen, die in der Heimat verblieben, aber nach Meinung der Machthaber für den Krieg dienstfähig sind, befohlen, sich auf Hitler vereidigen zu lassen. Das letzte Aufgebot Hitlers, die alten Männer und die ganz jungen, die Kränklichen und die uk-Gestellten, der Volkssturm, wird zusammen gerufen. Papa nimmt seinen Eid sehr ernst. Später erzählt er uns, dass er nur die Lippen bewegt, den Eid aber nicht wirklich gesprochen habe. So habe er sich einer Bindung an Hitler entzogen.

Und eines Tages trifft es auch unsere Familie, was man schon lange befürchten musste: Auch Papa muss in den Krieg. Er hat den Einberufungsbefehl erhalten.
Eine Uniform muss besorgt werden. Wir bestellen sie bei Onkel Erich (Bruder der Mohrauer Großmutter) in Dresden, der dort eine große Schneiderei (zeitweise mehr als 40 Angestellte) betreibt. Eines Tages kommt ein großes Paket. Die Uniform ist es und Papa probiert sie gleich an. Wir staunen. Papa sieht wunderschön in der Uniform aus, viel stolzer als sonst. Sogar seine Körperhaltung ist gerader und aufrechter als wir sie sonst an ihm kennen. Wir jubeln und bewundern unseren Vater. An seinen Abschied von uns kann ich mich nicht mehr erinnern.

Fortsetzung folgt

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