Fortsetzung: Vertrieben (8)

31.12.1944 00:00
(Foto: Bayrischer Rundfunk)

Fast täglich fahren nun Wagenzüge und Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Am Ringplatz machen die meisten Flüchtlinge halt. Halbverhungert nagen die Pferde die Rinde von den Bäumen, an die sie angebunden werden. „Die werden alle absterben“, sagt Muttl. Und sie hat Recht. Genauso ist es gekommen. In der bitteren Kälte des damaligen Winters (oft mehr als -20°C Kälte) essen die Leute im Freien. Einmal bekomme ich mit, wie Muttl sagt, man hätte sie ins Warme herein holen und ihnen warmes Essen geben sollen. Warum hat sie es nicht getan? Wahrscheinlich waren bei uns die Lebensmittel selber so knapp, die uns nach den Lebensmittelkarten zustehenden Rationen derart gering, dass es Muttl wegen der ihr anvertrauten Kinder nicht wagte, davon abzugeben.


Neue Kinder kommen in unsere Klasse. Diesmal sind es Flüchtlingskinder, nicht Bombengeschädigte. An ein Mädchen kann ich mich gut erinnern. Es ist völlig verstört und verschüchtert und spricht Deutsch nur mit starkem Akzent. „Wie sprecht ihr zu Hause?“ fragt unsere Lehrerin. „Polnisch“, entgegnet das Mädchen. Da wird das Kind vor der ganzen Klasse gerügt: „Ein deutsches Mädchen hat deutsch zu sprechen. Sonst ist das Verrat am Volkstum“. In die Klassengemeinschaft werden diese Kinder nicht eingebunden. Sie bleiben isoliert. Und doch überlege ich mir zur Nikolauszeit, als in der Klasse gegenseitig Päckchen ausgetauscht werden, ob ich nicht diesem armen Kind ein Päckchen verschenken soll. Leider habe ich es dann doch nicht getan.

Vor Weihnachten erleben wir eine sehr große Freude: Unerwartet hat Papa Urlaub erhalten. Roswitha erinnert sich, dass sie vom Kino heimkam und zu ihrer grenzenlosen Überraschung Papa zu Hause vorfand. So können wir das Weihnachtsfest noch einmal alle zusammen feiern. Es wird unser letztes Bennischer Weihnachten sein. Doch das ahnt jetzt noch niemand.

Während der Weihnachtsferien fährt Papa mit Adelheid und mir einmal nach Mohrau. Er will Tante Rosi fragen, ob unsere Familie zu ihr kommen darf, wenn die Lage beim Näherrücken der Russen brenzlig wird. Denn die Eltern glauben, dass es im Ernstfall im abgelegenen Gebirgsdorf sicherer ist als in unserer Stadt.

Der Silvestertag kommt und Adelheid und ich besuchen den Jahresschluss-Gottesdienst in der brechend vollen Kirche. „Warum weinen bei der Predigt so viele Frauen“? Ach, sie haben Männer und Söhne, Väter und Brüder im Krieg verloren und die Zukunft ist angsterregend (Bennisch zahlt einen außergewöhnlich hohen Blutzoll in diesem Krieg). Was wird das neue Jahr bringen? Am Heimweg ist mir eiskalt. Mir klappern die Zähne und ich fühle mich schlecht. Vom guten Silvesteressen, auf das ich mich so gefreut habe, kann ich nichts essen, nicht die belegten Brote mit Ölsardine, nicht die Cremeschnitte (die Papa gemacht hat) und nicht die herrliche Apfelsine und auch nicht die wunderbar saftigen Birnen aus dem Bürgerschulgarten. Alles widert mich an. Ich bin krank geworden. So muss ich ins Bett. Papa sorgt sich um mich, gibt mir Medikamente und sucht Perlen für mich, die ich zu einer Kette auffädeln kann.

Dann ist Papas Urlaub zu Ende und er muss uns wieder verlassen. Vom Wohnzimmerfenster aus winken wir ihm nach, bis er an der Ecke beim Uhrmacher Schreiber verschwindet. Muttl begleitet ihn. Sie besprechen untereinander, wie sich Muttl bei der immer bedrohlicher werdenden Kriegslage am besten verhalten soll. Als gemeinsame Kontaktadresse wird die Anschrift von Tante Muz* (Mamas Schwester) in Wien vereinbart. Muttl hat uns viel später erzählt, wie schwer ihr ums Herz war, dass sie in dieser bedrohlichen Zeit mit den fünf angenommenen Kindern ohne Papas Hilfe nun allein zurecht kommen und die Familie schützen sollte. Erst nach 3 ½ Jahren haben wir unseren Vater wieder gesehen.

Fortsetzung folgt

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