Vertrieben - Die wahre Geschichte eines kleinen Mädchens

01.06.1944 00:00

Am Bild meine Tante, Autorin ihrer Geschichte der Vertreibung aus dem Sudentenland, mit mir am 30.11.2015. Sie wurde im November 2015 80 Jahre alt.

Autorin: U. Hillesheim ©

 

Sommer 1944: Ein kleines Mädchen – 8jährig – ist unterwegs am Ostrand des Hutberges. Ich, Ursula, bin allein, habe mich von Adelheid, meiner Zwillingsschwester, getrennt. Warum? Ich weiß es nicht mehr. Aber wir sind damals schon öfters jede für sich allein unsere eigenen Wege gegangen, wie auch jede ihre eigene Freundin hatte. Adelheid die Böschke Hannelore, das größte und angesehenste Mädchen der Klasse und ich die Mettmann Edith, die immer so frisch und so lustig war.

Es ist ein schöner, ein sonniger Tag. Wolkenlos ist der Himmel. Stille ringsum. Doch wie ich so gehe in der friedlichen Stille, wird mir plötzlich bewusst, dass da auf einmal ein seltsames Dröhnen zu hören ist. Ein eigenartiges monoton stetiges Brausen. So ein Geräusch kenne ich nicht. Was kann das nur sein? Ich suche die ganze Umgebung ab, aber ich kann nichts Ungewöhnliches sehen. Wird dieses Dröhnen nicht stärker? Ja, es wird lauter und lauter. Kommt das Geräusch nicht von oben? Ich schaue zum Himmel empor. Ja, was ist das denn? Was sehe ich da? Viele, viele strahlend silberglänzende Kugeln ziehen in einer wohlgeordneten Gruppe stetig am Himmel dahin. Und dahinter kommt noch eine Gruppe und noch eine, noch eine……..

Und von diesen bisher niemals gesehenen Gebilden geht das Gedröhn aus. Gewaltig ist es inzwischen geworden, die ganze Luft scheint zu beben. Was ist das nur? Was kann das nur sein? Ich kann es mir nicht erklären. Angst fällt mich an. Adelheid kommt zu mir zurück, auch sie tief beunruhigt. In der Nähe stehen einige Männer, einer mit einem Fernglas. Wir schleichen uns heran und horchen. „Amerikaner“, sagt der Mann mit dem Fernglas. Amerikaner! Das hat mit dem Krieg zu tun, das weiß ich wohl. Doch sind sie nun unsere Freunde oder sind sie Feinde von uns? (Wohl wegen der ähnlichen Vokale kann ich damals Amerikaner und Italiener nicht auseinander halten). Fliegt da oben vielleicht eine feindliche Wunderwaffe? Und wenn die nun abstürzt auf Bennisch, auf unsere kleine Stadt, die man vom Hutberg so friedlich daliegen sieht? Eine Beklemmung, ein Grauen erfasst mich. Wir gehen nach Hause. Und nun erfahren wir von Muttl, dass es feindliche Flugzeuggeschwader waren, die zum ersten Mal in diesem Krieg Bennisch überflogen haben. So hoch, dass man sie im reflektierenden Sonnenlicht nur als glänzende Punkte oder als Kugeln hat sehen können.

Das war der Anfang vom Ende, der Beginn des Schreckens, der auf uns zukommen sollte. Aber das wussten wir damals noch nicht.

Fortsetzung folgt

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