Die Angst der Deutschen vor der Kernenergie

26.12.2016 00:00

Heute Abend waren meine Frau und ich bei unserer „Mitzi-Tante“ und dem „Onkel Koarl“ – wie immer wieder mal – zu Besuch. Der „Koarl“  ist inzwischen 91 Jahre, die „Mitzi“ um 7 Jahre jünger. Heute war aber auch deren älterer Sohn und Cousin meiner Frau „Koarl jun.“ aus Deutschland hier. Er ist auch schon in Pension, kommt aber einmal im Jahr zu seinen Eltern und auch zum Schifahren am Stuhleck.

Bildquelle: Die Zeit

Karl jun. ist Dipl.Ing. und arbeitete im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld des Energiekonzerns EON als Gesamtverantwortlicher für die Sicherheit. Er kennt sich also aus. Kürzlich war auch eine Volksabstimmung über einen möglichen Ausstieg aus der Atomenergie in der Schweiz und durchaus überraschend haben sich die Schweizer mehrheitlich für den Weiterbetrieb ihrer Atomkraftwerke ausgesprochen. Mit dem Argument, da sie ansonsten wieder Atomstrom, nur halt aus Frankreich, importieren müssten. Es war naheliegend, dass wir ins Diskutieren über die Atomenergie kamen:

Das Unglück von Fukushima ist ja noch in guter Erinnerung. Die Reaktion der deutschen Bundesregierung unter Merkel war danach, den ursprünglich bis 2050 langsam auslaufenden Ausstieg aus der Atomstromerzeugung brachial auf 2022 vorzuverlegen. Japan hingegen nimmt seine schlechter abgesicherten Atomkraftwerke schrittweise wieder in Betrieb, um die Energiekosten zu senken.

Karl erklärte uns, dass so ein Unglück wie in Japan in Deutschland gar nicht möglich gewesen wäre. Es habe bei ihm Kopfschütteln ausgelöst, wie gering die Sicherheitsstandards japanischer Kraftwerke sind. So habe in Fukushima die Tsunamiwelle nicht nur die Kühlsysteme für die Siedewasserreaktoren 1 bis 4 (von 6) sondern auch die Gebäude mit den Notstromaggregaten für die Reservepumpen für die Kühlung zerstört. Es kam zu Überhitzungen, Freisetzen von Wasserstoff, Techniker versuchten durch Druckentlastung noch das Schlimmste zu verhindern, wodurch Radioaktivität ins Freie gelangte. Einen bis vier Tage später kam es zu Explosionen, schweren Beschädigungen und Austritt von hochkontaminiertem Wasser….

Während in Japan, in einem Land mit hoher Beben- und Tsunamigefahr, in Atomkraftwerke lediglich eine Reservegarnitur von Kühlaggregaten eingebaut wurde, würde in deutschen Atomkraftwerken die Kühlung dreifach abgesichert worden sein.

Eine Katastrophe wie in Tschernobyl wäre physikalisch gar nicht möglich gewesen, da die Bauart russischer Kernkraftwerke eine andere sei. Dort würde zum Abbremsen der Neutronen anstatt Wasser Graphit verwendet worden sein.

Die politische Entscheidung der deutschen Regierung zum raschen Ausstieg und auch mit der Endlagerung zurück zum Start kann Karl nicht verstehen. Nicht sachliche Argumente sondern rein politisches Kalkül mit diffuser Angst waren dafür ausschlaggebend. Es wurde nicht sachlich informiert sondern polemisiert. So seien bereits Milliarden in die Endlagerstätte Gorleben investiert worden, die jetzt halbleer steht, während derzeit die Brennstäbe viel schlechter gesichert auf dem Gelände der Atomkraftwerke zwischengelagert ist. Transporte nach Gorleben soll es nicht mehr geben. Nur wohin mit dem radioaktiven Abfall? Laut Karl wurden die Castortransportbehälter derart massiv gebaut, dass selbst ein Aufprall eines Zuges mit hoher Geschwindigkeit zwar Beschädigung aber keine Undichtheit bewirken würde.

Karl sieht große Probleme mit der Energieversorgung für die deutsche Industrie. Auch wenn in großer Zahl Windkraftwerke aufgestellt werden, so seien diese keine verlässlichen Lieferanten, da abhängig vom Wind einmal zuviel, dann wieder viel zuwenig produziert würde. Das Problem sei die ungelöste Speicherung. So hätten ältere Braunkohlekraftwerke hochgefahren werden müssen, was für Deutschland wegen dem damit verbundenen hohen CO2-Ausstoss hohe Kosten für den Zertifikatshandel bedeutet. Frankreich hat ältere Kernkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland aktiviert, um nach Deutschland zu liefern. Dazu seien die meisten Windkraftwerke im Norden, sodass gewaltige „Stromautobahnen“ in den Süden notwendig sind, die auch keiner haben will.

Weiteres Kopfschütteln verursacht ihm die Forderung der Grünen, in Deutschland rasch auf Elektroautos umzusteigen. Woher soll all dieser Strom kommen? Offenbar reicht es den meisten, wenn er aus der Steckdose kommt.

Karl sieht kein Konzept im politischen Agieren. Durch wenig durchdachte Entscheidungen entstünden gewaltige Kosten, die immer der Steuerzahler bzw. Konsument berappen müsse. Er erinnert sich an Führungen durch das Kraftwerk, die er mit Politikern gemacht habe. Grüne Politiker seien währenddessen lieber vor dem Kraftwerk hin und her spaziert, als sich das zumindest einmal anzusehen.

Aus seiner Sicht wäre nach dem Unglück von Fukushima das Bewahren eines kühlen Kopfes notwendig gewesen. Beibehaltung der Linie eines langsamen Ausstieges mit dem schrittweisen Abschalten der Atomkraftwerke nach Ablauf der jeweiligen Laufzeit mit Lagerung des Atomrestmülls dort, wo er in 2000 Meter Tiefe viel sicherer verwahrt wäre als jetzt in Gebäuden mit nur einem Meter dicken Stahlbetonwänden verteilt über das ganze Land. Er sieht in Deutschland das Land der „Angsthasen“.

Ganz unrecht hat er sicher nicht.

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